Der erste Eindruck ist blendend: eine schier übermenschliche Eleganz bei sehr irdischer Schönheit. Ein Gefühl für Raumaufteilung, das fast konstruktivistisch anmutet, ob es sich nun um Reliefzyklen, geschnitzte Elfenbeintafeln, um ornamentierte Bodenbeläge, Wandmalereien oder Fenster handelt. Sogar Urkunden, Wappenschilde und Waffenzier zeigen diese überlegene räumliche Gestaltung. Wir sind in der Ausstellung "Philippe le Bel et ses fils 1285-1328".

Blendend ist der Eindruck auch deshalb, weil die beiden Etagen des Grand Palais in Dunkel getaucht sind, aus dem Punktstrahler die vielen Statuen, Reliquiare, kapellenförmigen Schreine und Goldschmiedearbeiten gleißend herausheben, während Glasmalereien von hinten beleuchtet sind und Buchminiaturen ringsum in schwach erhellten Vitrinen den Blick ansaugen.

Überall das gleiche Bild: schlanke Figuren mit vereinfachtem Faltenwurf in melodiös gebogener Linienführung.

Nach ihrer Vollendung in der Kathedrale, die göttliches und menschliches Königtum in eins setzte und in der Gestalt Ludwigs des Heiligen (1226-1270) kulminierte, scheint die französische Gotik innezuhalten und eine Klassizität zu erreichen, die dem äußeren Zustand des Landes widerspricht. Zudem ist die dynastische Kontinuität der Kapetinger, von Philipp IV., dem Schönen (1285-1314), noch einmal gesichert, durch den frühen Tod seiner drei Söhne gefährdet, die keine männlichen Erben hinterlassen. Maurice Druon hat in seiner populären Romanfolge "Les Rois maudits" - "Die fluchbeladenen Könige" - diese Krise melodramatisiert. Aber Wandel und Untergang eines Geschlechts gehen mit einer Blüte der Kunst zusammen. Philipp der Schöne liebte den großen Auftritt, die Luxusgegenstände ein Stil "um 1300" zeichnet sich ab, für den diese Ausstellung die Augen öffnen möchte. Daß dies bisher kaum geschah, liegt vor allem an der Seltenheit bedeutender Architektur. Das Prestigebeispiel, die Prioratskirche zu Poissy, existiert nicht mehr.

Erhalten haben sich, ursprünglich wohl um eine Marienkrönung oder die Darstellung des Jüngsten Gerichts angeordnet, sieben steinweiße Engel, Trompete blasend, Kronen und Passionswerkzeuge in den Händen.

Überhaupt Engel: Auf Säulen umringten sie die Hochaltäre und bilden auch im Entree der Ausstellung, biegsam, mit mandelförmig geschnittenen Augen und idealtypischem Lächeln, ein himmlisches Spalier. Die Provinz erscheint dabei vitaler als Paris: Nordfrankreich, die Normandie, Lothringen, die Champagne, Burgund und Toulouse als Zentrum des Südens entwickeln kontrastreiche Eigeninitiativen, die das einheitliche Stilbild auflockern. Vor allem auch in der Buchmalerei, wo Metz, obschon auf dem Territorium des Deutschen Reiches gelegen, eine gotische Spätblüte erlebt. In der Champagne entsteht die erste, illustrierte Übersetzung des Traktats über die Vogeljagd von Kaiser Friedrich II. Weltliche Themen mischen sich unter die geistlichen: Ritterepen wie "Tristan", "Lancelot du Lac" und der auf Mißstände im Königreich gemünzte satirische "Roman de Fauvel" (1310), dazu erste Naturbücher und Berichte aus märchenhaft fernen Ländern.

Fasziniert betrachtet man die 350 Objekte, unter ihnen auch Blattmasken, Konsolen, Schlußsteine, Teile zerstörter Lettner, und wird sich beim nochmaligen Besuch erst bewußt, welch erlesene Schatzkammer man durchwandert hat, aus Frankreich, Europa und Amerika zusammengetragen zur Belehrung und Augenlust.