Am Montag meldete sich Helmut Kohl aus dem Urlaub zurück. Erst schimpfte er vier Stunden im Parteivorstand, dann lud er die Presse ins Adenauerhaus und erklärte den Streit in der Union für "endgültig beendet". Weder gebe es Anlaß zur Kritik an Wolfgang Schäuble, seinem Lieblingsnachfolger, noch stehe in Frage, daß die beiden Schwesterparteien mit einem gemeinsamen Programm in den Wahlkampf ziehen. Von nun an, verkündete Kohl den Journalisten, werde man sich wieder "der Aufgabe zuwenden, den politischen Gegner zu bekämpfen". Der Kanzler, so schien es, hatte das Feuer in der Union mit seinen großen Füßen ausgetreten.

Eine Stunde später züngelten die Flammen wieder unter seinen Sohlen hervor.

In der Fraktionssitzung am Nachmittag wurde der Bundeskanzler Zeuge, wie sich Theo Waigel und Wolfgang Schäuble derart aneinander rieben, daß erneut die Funken schlugen. Der Fraktionschef knöpfte sich CSU-Generalsekretär Protzner vor - und hatte dabei das Revers von Theo Waigel im Griff. Der CSU-Chef wiederum keilte gegen Heiner Geißler aus - und trat in Wahrheit Wolfgang Schäuble. Helmut Kohl saß ratlos in der Mitte und schwieg.

Am Dienstag startete der Kanzler im Fernsehen seine zweite Löschaktion. Im Gespräch mit den Chefredakteuren des Westdeutschen und des Bayerischen Rundfunks spritzte Kohl mit Flüssigkeiten nur so um sich. "Viel Milch" sei in der letzten Zeit "verschüttet" worden, klagte er - um dann am Beispiel seines Wasserglases zu erklären, warum er die Wahlen im September trotzdem gewinnen werde. Er gehöre nämlich zu den Menschen, die zur Hälfte gefüllte Gläser als halb voll und nicht halb leer betrachten. Dabei griff er zu seinem Sprudelglas und streckte es der Kamera so entschlossen entgegen, als wolle er es in die Flammen kippen.

Was ist nur los mit dem Kanzler und seiner Partei? Um das zu verstehen, hilft, wenn überhaupt, ein Blick in die Ferne, ins indonesische Borneo, wo sich eine Naturkatastrophe der besonderen Art studieren läßt: Das tückische an den Bränden im Regenwald ist nämlich, daß sie, selbst wenn sie gelöscht wurden, unter einer Moosschicht weiterschwelen und dadurch jederzeit, an jedem Ort wieder ausbrechen können. Es handelt sich um ein Feuer, das da ist, selbst wenn es nicht da ist, weshalb auch niemand sagen kann, wann es wirklich unter Kontrolle ist, nicht einmal Präsident Suharto, der schon doppelt so lange regiert wie Helmut Kohl. Sicher ist nur, daß es lange dauern wird, nicht Wochen, sondern Monate, möglicherweise sogar bis Ende September, wenn die Regenzeit einsetzt.