Die Frage hat schon Generationen beschäftigt. Dann stellte sie ein Einwohner von Neuguinea seinem nordamerikanischen Gast: "Warum habt ihr Weißen so viele Güter hervorgebracht, während wir Schwarzen selbst so wenig haben?" 25 Jahre später liefert der Weiße die Antwort - und erhält dafür den diesjährigen Pulitzerpreis.

Jared Diamond, Physiologieprofessor in Los Angeles, beschäftigt sich seit einem Vierteljahrhundert mit Evolutionsbiologie. Bereits in seinem hochgelobten Buch "Der dritte Schimpanse" machte er sich Gedanken über Entwicklung und Zukunft der Menschheit. Nun spürt er jenen Faktoren nach, die über Armut und Reichtum der Völker entscheiden - und trifft vor allem in den Vereinigten Staaten einen Nerv. Die Lektüre von Diamonds "Arm und Reich" (im amerikanischen Original "Guns, Germs and Steel") arriviert dort gerade zur Modelektüre des gehobenen Managements. "Das ist die erste geschichtliche Erklärung, die ich kenne", schwärmt etwa Bill Gates, "warum Europäer und Asiaten die Kontrolle über den Großteil der Welt erlangten und nicht Afrikaner, amerikanische Ureinwohner oder andere Völker." Auf der Homepage von Diamonds Literaturagent John Brockman verrät der Microsoft-Chef auch, warum "Arm und Reich" ihn so interessiert: Diamond beschreibe brillant, wie zufällige Vorteile zu "Erfolgen in einem hochkompetitiven Umfeld" führten.

Das Buch halte daher "nützliche Lektionen für die Geschäftswelt und all jene bereit, die sich dafür interessieren, warum manche Technologien sich durchsetzen".

Dabei geht es Diamond nicht etwa um modernes Marketing oder die Tücken der Globalisierung. Vielmehr schildert er minutiös die Ursachen der frühen Vorherrschaft der eurasischen Kulturen gegenüber den Bewohnern anderer Kontinente. Seine Quintessenz: Es waren geographische und klimatische Voraussetzungen, also die Verteilung von Land und Wasser und die Beschaffenheit der Kontinente, die den Eurasiern einen uneinholbaren Startvorteil verschafften.

Gleichzeitig verurteilt Diamond jene, die immer noch an bessere und schlechtere Genpools unterschiedlicher "Rassen" glauben. Hätte man am Ende der letzten Eiszeit vor 13 000 Jahren die Bevölkerungen Australiens und Eurasiens ausgetauscht, so hätte sich der Lauf der Geschichte dadurch kaum verändert. Am Ende hätten wiederum die Eurasier die australischen Aborigines unterdrückt.

Aber wie kommt die Entwicklung überhaupt in Gang? Für Jared Diamond steht am Anfang die "Bauern-Power" der entscheidende Faktor für das Aufstreben einer Gesellschaft sei der Übergang von einer Jäger- und Sammlergemeinschaft zu einer seßhaften Kultur der Ackerbauern. Dabei waren einige wenige Regionen wie der "Fruchtbare Halbmond" in Vorderasien (die heutige Türkei, Syrien, Irak und Jordanien) besonders bevorzugt. Dort fanden sich allein sechs der acht entscheidenden "Gründerpflanzen" und vier der fünf wichtigsten Haustiere. Mit der Landwirtschaft stieg die Nahrungsversorgung und damit auch die Bevölkerungszahl bald tauchten die ersten "Vollzeit-Spezialisten" auf, die sich nicht mehr ausschließlich ihrem Nahrungserwerb widmen mußten. An der Spitze solcher Gesellschaften erhoben sich Häuptlinge und Könige. "Diese komplizierteren politischen Gebilde sind viel eher zur Führung längerer Eroberungskriege imstande als egalitäre Scharen von Jägern und Sammlern."

Auf seiner Spurensuche beleuchtet der Evolutionsforscher auch die faszinierende Rolle der Haustiere im globalen Wettbewerb der Kulturen. Von den vierzehn Haustierarten, denen die Menschheit weltweit ihre Seßhaftigkeit verdankt, waren nach der letzten Eiszeit dreizehn in Eurasien beheimatet.

Andere Kontinente dagegen verfügten über keine einzige domestizierbare Tierart. In Afrika etwa ließen sich weder Rhinozeros noch Elefant, Flußpferd oder Zebra zähmen. Die Europäer dagegen konnten nicht nur Kuh und Schaf unter Kontrolle bringen, sondern hoch zu Roß zu Eroberungszügen starten. Als die Konquistadoren in Amerika einfielen, waren dort Pferde noch völlig unbekannt.

Mit nur 62 Reitern und 106 Fußsoldaten überwältigte Francisco Pizarro im Jahre 1532 die 80 000 Garden des Inka-Herrschers Atahualpa.

Doch auch Krankheitserreger spielen in Diamonds Darstellung "eine entscheidende Rolle beim Sieg der Europäer über Indianer, Australier, Südafrikaner und Pazifikinsulaner". Warum etwa wurden nur die letzteren von den für sie fremden Keimen gemeuchelt, nicht aber umgekehrt die weißen Eroberer von indianischen Erregern? Jared Diamond führt einen ebenso einfachen wie verblüffenden Grund an: Die meisten Infektionskrankheiten wurden von Haustieren übertragen. Deren Halter waren immun geworden, Nomaden hingegen blieben anfällig. Diese simple Tatsache beförderte den Siegeszug der eurasischen Kultur mindestens ebensosehr wie deren militärische Überlegenheit.

Beeindruckend an Diamonds Werk ist vor allem das breite Wissen des Autors.

Hier war keiner jener Professoren am Werk, die sich bei der Abgrenzung ihres Fachgebietes ins Infinitesimale verengen. Diamond führt vielmehr beispielhaft vor, was vernetztes Denken bedeutet souverän bewegt er sich im Grenzbereich von Biogeographie und Humangenetik, von Kulturgeschichte und Epidemiologie, von Archäologie, Anthropologie und Politik.

Daß dabei zuweilen auch ausgefallene Beispiele zur Illustration herhalten müssen, gereicht dem Buch durchaus zum Vorteil. Etwa dann, wenn der Autor die Evolution der Schreibmaschinentastatur als Beispiel für nicht optimierte Techniken anführt. Die Anordnung der Buchstaben sei unter pragmatischen Gesichtspunkten abwegig. Dennoch hätte eine besser sortierte Tastatur keine Chancen auf dem Markt - ein weiterer Beleg für Diamonds These, daß das Wissen um Verbesserungen allein nicht genügt stets müssen in der Gesellschaft auch die Rahmenbedingungen für Neuerungen stimmen. Dieses permanente Pendeln zwischen Naturwissenschaft und Kulturgeschichte meistert der amerikanische Physiologe souverän. Bedauerlich ist allein der Drang des Autors, jedes Detail anhand zahlloser Beispiele schlüssig zu belegen, jede Behauptung zweifelsfrei herzuleiten. Die Beschreibung der technischen Probleme der Radiokarbon-Datierungen wäre ebenso verzichtbar wie die allzu detaillierte Auseinandersetzung mit der Genese von Schriftzeichen. Auch die persönlichen Erfahrungen des Autors - aus Australien, Polynesien oder Afrika - geraten mitunter langatmig. Eine dezente Komprimierung wäre dem Werk sicher nicht abträglich gewesen.

Dennoch: Wer Wissenschaft als interdisziplinäres Projekt begreift, der findet in diesem Buch reiche Nahrung. Und vielleicht gelingt es "Arm und Reich" endlich, die verbreitete Mär von den besseren Genen auszurotten. Bill Gates hat aus der Lektüre des pulitzerpreisgekrönten Werkes allerdings eine andere Lehre gezogen: Da in der Informationsgesellschaft die "kritischen natürlichen Ressourcen", nämlich menschliche Intelligenz und Tüchtigkeit, in jeder Region der Welt überreich vorhanden seien, verspräche "das nächste Kapitel der menschlichen Geschichte besonders spannend zu werden".

Jared Diamond:

Arm und Reich

Die Schicksale menschlicher Gesellschaften

Aus dem Englischen von Volker Englich S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998 550 S., 58,- DM

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