Acht Wasserstoffballons starteten am Morgen des 18. Oktober 1997 in Bitterfeld zu einer Wettfahrt nach Fehrbellin in Brandenburg. Schnell setzten sich drei Ballons an die Spitze, vorneweg Maria Wellekötter aus dem westfälischen Marl, die gerade die Ausbildung zur Fluglehrerin machte. Im Korb des zweiten Ballons stand Klaus Oberzig. "Kaum eine Wolke war am Himmel", erinnert er sich. "Ein leichter Südwestwind trieb unser Trio über das Havelland."

Dann wird Oberzig Zeuge einer Tragödie: "Plötzlich, wir waren gerade am Sender Nauen, stand der Ballon vor uns in Flammen. Wie ein Stein stürzte sein Korb in die Tiefe." Eilig landen Oberzig und die anderen Ballonfahrer auf einer Wiese um zu helfen. Doch die Pilotin, ihr Mann und zwei Fluggäste waren tot.

Für den zunächst rätselhaften Absturz haben Experten des Luftfahrt-Bundesamtes (LBA) in Braunschweig nach monatelanger Untersuchung nun eine überraschende Erklärung gefunden: Zum ersten Mal in der Geschichte der Luftfahrt ist ein Fluggerät abgestürzt, weil sein Material aufgrund zu starker elektromagnetischer Strahlenbelastung versagt hat. Bisher hatten starke Sender stets nur die Steuerelektronik oder den Funkverkehr beeinträchtigt.

Nach der Auswertung des Höhenschreibers ließ sich die Höllenfahrt von Nauen rekonstruieren. Bis auf hundert Meter näherte sich der Ballon den vier Kurzwellen-Antennen des Senders. Dann trennte sich das Ballonnetz von der Hülle, die entlastete Hülle schoß 300 Meter in die Höhe und verpuffte. Der Korb stürzte zur Erde. Die Untersuchungen ergaben, daß sowohl menschliches Versagen als auch eine Ionisierung der rund tausend Kubikmeter Wasserstoff in der Ballonhülle infolge starker elektromagnetischer Strahlung als Unfallursache auszuschließen sind. Weil elektromagnetische Wechselfelder in leitfähigen Materialien elektrische Ströme hervorrufen, konzentrierten sich die Tests mehr und mehr auf die Metallteile.

"In die Nylonfäden des Ballonnetzes sind hauchfeine Stahlfäden eingewirkt, die normalerweise die elektrostatische Aufladung durch die Atmosphäre schnell auf die ganze Hülle verteilen sollen", erzählt Frank Stahlkopf, der die Untersuchungen beim LBA leitete. "Durch die starke Energie des Senders haben sie sich wie Glühwendeln erhitzt und führten schließlich zur Abschmelzung der Nylonseile, also zur Trennung des Korbes vom Ballon. Hinzu kam ein Brandherd im Ventil, das den Wasserstoff anschließend verpuffen ließ."

Der Sender Nauen ist einer der leistungsstärksten in Deutschland. Im vergangenen Jahr installierte die Telekom vier moderne Kurzwellen-Antennen von je 500 Kilowatt Leistung. Die achtzig Meter hohen Masten strahlen die Rundfunkprogramme der Deutschen Welle bis nach Südamerika. Hierzu werden die Frequenzen gebündelt in einem bestimmten Winkel zum Himmel abgestrahlt. "Im ungünstigsten Falle fuhr der Ballon in die Kernzone der Strahlung", meint Peter Bruger, Vorsitzender des Arbeitskreises Hochfrequenz-Antennen beim Verband Deutscher Elektroingenieure. "Dann könnte er etwa fünf Prozent der Leistung abbekommen haben."

Der Abschlußbericht des LBA, der in wenigen Wochen erwartet wird, klärt die Unfallursache. Die Schuldfrage jedoch bleibt offen. Die Ballonführerin galt als ausgesprochen erfahren, kannte aber das Berliner Umland nur von der Karte. Über Leistung und Frequenzen des Senders Nauen wußte sie nichts. "Für die Führer von Luftfahrzeugen gelten spezielle Karten, in denen Hindernisse, Meldepunkte und Funkfeuer eingetragen sind, ähnlich den Seekarten mit Wracks und Bojen", erläutert Jochen Pieper, Sprecher des LBA. Gebiete mit erhöhtem Risiko wie Kernkraftwerke, Tiefflugkorridore der Bundeswehr oder militärische Objekte sind darin ebenfalls verzeichnet. "Radiosender in den Karten zu verzeichnen ist bisher kein Standard für die zivile Luftfahrt", sagt Pieper.