Belfast

Nein, ideal sei das Abkommen ganz und gar nicht, sagt Gerry Kelly aber letztlich zähle nur eins: "Großbritannien beginnt, sich jetzt langsam vom letzten Teil seines Imperiums zurückzuziehen." Ein paar Sinn-Féin-Delegierte, die dem Gespräch zuhören, nicken zu den Worten des hochgewachsenen, elegant gekleideten Endvierzigers. Kelly, ein ehemaliger IRA-Bomber, gehört seit seiner Haftentlassung Anfang der neunziger Jahre zur Führungsgarde um den Sinn-Féin-Präsidenten Gerry Adams. In den republikanischen Hochburgen von Westbelfast und Derry gilt er als Mann des harten Flügels, als Garant dafür, daß die "Politiker" im Dickicht von Realpolitik und Kompromißformeln nicht das hehre Ziel der mythischen sozialistischen Republik aus dem Auge verlieren. Aber auch Kelly vertritt die neue Linie, auf die sich die Sinn-Féin-Spitze und der "Armeerat" der IRA verständigt haben. Zwar hat man sich offiziell noch nicht auf ein Ja oder Nein zum Vertragswerk von Belfast festgelegt. Der Parteitag, das oberste Entscheidungsgremium von Sinn Féin, soll darüber in zwei Wochen abstimmen. Aber Gerry Adams ist entschlossen, die republikanische Bewegung nach dreißig Jahren des "bewaffneten Kampfes" in neues politische Terrain zu führen. Man will das Abkommen akzeptieren und bei den Wahlen zum nordirischen Parlament antreten.

Zunächst jedoch muß die Basis für diesen Kurswechsel gewonnen werden. Leicht ist das nicht das lassen Umfragen erkennen, in denen fast vierzig Prozent der Sinn-Féin-Wähler den Deal vom Karfreitag ablehnen. Das belegen auch die Reden zahlloser Delegierter auf dem Parteitag in Dublin. Zwar stand niemand auf, um die Führung zu kritisieren: Sinn Féin ist eine straff organisierte, äußerst disziplinierte Partei. Delegierte, die offen aufbegehrten, hatte man schon vor der Veranstaltung suspendiert ein rebellisches Trio, das vor den Toren des Konferenzgebäudes aufkreuzte, wurde am Eingang abgewiesen. Doch drinnen im Saal ließen viele Delegierte durchblicken, daß sie von den Vorzügen des Abkommens längst nicht überzeugt sind. Bis zuletzt hatten viele gehofft, die oft zitierte "panirische Allianz", also Dublin, Washington, die nordirische Social Democratic and Labour Party John Humes und Sinn Féin, würde das Tor zu einem Vereinigten Irland weit aufstoßen. Die Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. John Hume verständigte sich mit der protestantischen Unionistenpartei von David Trimble auf die Lösung, die seine Partei stets im Auge gehabt hatte: auf garantierte Gewaltenteilung und demokratische Strukturen in Nordirland. "Wir haben erreicht, wofür wir seit 25 Jahren eingetreten sind", sagt John Hume. "Die irische Einheit muß warten sie kann nur organisch wachsen."

Der Nord-Süd-Rat aber, der beide Teile der Insel zur Zusammenarbeit verpflichtet, ist für Sinn Féin und die IRA nur ein unzureichender Ersatz.

Stein des Anstoßes ist die geplante Änderung der Artikel 2 und 3 der irischen Verfassung, in denen die Republik bislang Anspruch auf nordirisches Territorium erhob. Auch sträuben sich die Sinn-Féin-Mitglieder, das Recht der nordirischen Mehrheit auf Selbstbestimmung anzuerkennen. Auf instinktive Abneigung stößt das geplante nordirische Parlament.

Die Debatte bei Sinn Féin erinnert an Auseinandersetzungen vergangener Jahrzehnte in den sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien Europas.

Während Aktivisten noch revolutionäre Bekenntnisse abgeben, wandelt die Parteispitze bereits auf reformistischem Pfad. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Die republikanische Bewegung definiert sich bislang noch immer durch Aktion und Kampf. Sie pflegt den Kult um Märtyrer und Blutopfer.