Kein Ereignis in der Geschichte des deutschen Vormärz hat die Zeitgenossen so aufgewühlt wie der Weberaufstand von 1844 um kein Ereignis ranken sich freilich auch so viele Mythen und Legenden. Für Karl Marx war das, was sich Anfang Juni 1844 in den schlesischen Dörfern Peterswaldau und Langenbielau zutrug, die erste kräftige Regung des deutschen Proletariats, und auch sein Weggenosse Wilhelm Wolff, der schlesische Frühsozialist, erblickte in der Weberrevolte nur "ein Vorspiel in dem unaufhaltsamen Proletarier-Drama", "im Kriege der Besitzlosen gegen die Tyrannei und Selbstsucht des Privat-Eigentums". Bürgerliche Beobachter glaubten hingegen als Motiv für das Aufbegehren der schlesischen Heimarbeiter nicht Klassenkampf, sondern Verzweiflung ausmachen zu können, verursacht durch extremes materielles Elend.

Nun hat eine junge Freiburger Historikerin, Christina von Hodenberg, die in der DDR jahrzehntelang unter Verschluß gehaltenen Akten des preußischen Innenministeriums und des Oberlandesgerichts ausgewertet, und ihr Befund läßt aufhorchen: Die tradierten Bilder vom Aufstand im Eulengebirge müssen offenbar korrigiert werden. Weder handelte es sich um eine politisch bewußte Aktion von Proletariern gegen ihre Ausbeuter noch um einen Akt verzweifelter Notwehr. Die Baumwollweber, die an der Spitze der Revolte marschierten, gehörten gerade nicht zu den Ärmsten der Armen, sondern standen sich im Vergleich zu den Leinewebern noch relativ günstig. Was sie antrieb, war nicht Hunger, sondern das Verlangen nach "gerechter" Bezahlung. Ihre Wut richtete sich daher auch nicht gegen alle Fabrikanten, sondern nur gegen jene, die ihnen - wie die Familie Zwanziger - den angemessenen Lohn für ihre Arbeit vorenthielten. "Nicht die Auflehnung gegen die Reichen und Mächtigen", folgert die Autorin, "sondern die vertrauensvolle Einforderung von Gerechtigkeit stand im Mittelpunkt: Hier sprachen eher Untertanen als Proletarier."

Wenig Stoff für Legenden, sollte man meinen. Daß diese sich dennoch so früh bilden und weite Verbreitung finden konnten, führt die Autorin auf die rigide Zensur der preußischen Regierung zurück. Denn erst dadurch gelangten übertriebene Gerüchte und unzutreffende Nachrichten über die schlesischen Vorfälle in die Öffentlichkeit. Aus ihnen formte sich jener Mythos vom Weberaufstand, dessen sozialistische und bürgerliche Variante die Autorin im zweiten Teil ihres Buches eingehend verfolgt. Interessant ist der Nachweis, daß sowohl in Gerhart Hauptmanns Drama "Die Weber" von 1892 als auch in Käthe Kollwitz' Bilderzyklus von 1897/98 beide Mythenstränge miteinander verknüpft wurden, was ein Gutteil der Wirkung erklärt. Ebenso überzeugend wird geschildert, wie in den beiden deutschen Staaten nach 1949 die alte Polarisierung zwischen sozialistischer und bürgerlicher Interpretation sich wieder verschärfte. In Westdeutschland wuchs seit den siebziger Jahren mit der Kritik am industriellen Fortschritt überdies die Neigung, die Weberrevolte als "Maschinensturm" zu verklären, womit die historische Realität ein weiteres Mal verfehlt wurde.

So hat die Autorin auf vorbildliche Weise beides zugleich geleistet: Sie hat den Weberaufstand als historisches Ereignis überhaupt erst realitätsgerecht rekonstruiert und sie hat zugleich die konkurrierenden mythischen Deutungsmuster, die sich daran anschlossen, scharf analysiert. Unter den vielen Publikationen zur Geschichte und Vorgeschichte der Revolution von 1848, die uns das diesjährige Jubiläum beschert, ist ihre Studie sicher eine der bedeutsamsten.

Christina von Hodenberg: Aufstand der Weber Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 1997 304 S., 24,80 DM