Wenn das Hinterzimmer von "Peters Gasthof" im Dresdner Arbeiterviertel Cotta überquillt, ist Kameradschaftsabend. Dicht an dicht sitzen sie auf ihren Holzschemeln, ein paar Alte und viele Junge. Die Jungen hören brav zu, wenn Kamerad Hermann das Wort ergreift. Er spricht über Gemeinschaftssinn. Zu DDR-Zeiten war er Lehrer, jetzt ist er arbeitslos, malt und schreibt "kleine Sachen", zum Beispiel diese Rede. Sein Fazit: Wahren Gemeinschaftssinn gab es früher mal bei den Indianern und bei der Reichsbahn der DDR, jetzt gibt es ihn nur noch bei der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands.

Zum Kameradschaftsabend sind an diesem Dienstag 32 Anhänger der rechtsextremen Partei gekommen, die meisten jünger als dreißig, viele arbeitslos oder Lehrlinge, also bald arbeitslos. Auf dem T-Shirt eines Neonazis prangt der Kopf von Rudolf Heß, des Stellvertreters von Adolf Hitler. Mit Bier stoßen die Jugendlichen auf "White power Germany" an.

"Politik und Alkohol passen nicht zusammen", sagt der arbeitslose Jürgen Schön, Geschäftsführer der NPD Sachsen. Die sechs Skinheads nicken und bestellen jeder noch ein Pils. "Skinhead ist man, wenn man jung ist", sagt Schön. "Das wächst sich aus." Langsam werden die jungen Zuhörer unruhig. Sie brennen auf das wichtigste Thema des Abends: die Vorbereitungen der NPD-Parade am 1. Mai in Leipzig. Dann soll mit 15 000 Marschierern deutsche Arbeitergeschichte geschrieben werden.

Hinter den schwarzweißroten Fahnen der NPD wächst zusammen, was ohne die Partei nie zusammengefunden hätte: Altnazis aus dem Westen und radikale Ostalgiker, die bei der PDS den Stolz auf die Heimat vermissen, westdeutsche Führer-Figuren des "nationalen Widerstandes" und pubertierende Skinheads aus Wurzen oder Leipzig, frustrierte Antikapitalisten von rechts und links, Jugendliche, die so rebellisch wie resigniert sind, Schlägertrupps mit glänzenden Schädeln.

Bis vor zwei Jahren dämmerte die NPD als sektiererisches Altherrenklübchen von Auschwitz-Leugnern vor sich hin. In sieben Landtagen vertreten gewesen zu sein, so wie Ende der sechziger Jahre, das war bloß noch Stoff für die Anekdoten während der Parteiabende. Schließlich mußte auch noch der Vorsitzende Günter Deckert wegen Volksverhetzung ins Gefängnis. Die Parteiführung übernahm Hauptmann der Reserve Udo Voigt. Seither kommt wieder Leben in die tote Partei. Statt kruder Holocaust-Lüge pflegt Voigt ein ignorantes Verhältnis zur Geschichte. Auschwitz? Na und?

Die Frischblutzufuhr für die Partei stammt vor allem aus dem Osten. Neue sozialpopulistische Parolen ("Das Volk blutet, das Kapital kassiert") ziehen ebendort besonders, ein Drittel der 4300 NPD-Mitglieder kommt aus den neuen Bundesländern. 1997 sind 1600 Menschen in die Partei eingetreten, 70 Prozent davon unter 30. Ende 1994 zählte man 100 Mitglieder im Freistaat Sachsen, jetzt sind es 1200 - mehr als bei den Grünen. Einer Studie des sächsischen Kultusministeriums zufolge würden sieben Prozent der Dreizehn- bis Achtzehnjährigen der NPD ihre Stimme geben, wären sie wahlberechtigt.

Was kommt da auf Deutschland zu? Schlägt sich die NPD vom Osten eine Schneise durch das Land? Wie ist es ihr, der Partei der ultrarechten Kleingeister, gelungen, in die Jugendklubs vorzudringen? Wird sie zu jener Sammlungsbewegung am rechten Rand, vor deren Erwachen sich die Republik seit Jahren fürchtet?