Alexander Osang hat ein gnadenloses Portrait geschrieben. Osang, Jahrgang 62, ist Reporter der Berliner Zeitung und gilt vielen Ostdeutschen als Stimme des Ostens. Er hat einige Preise gewonnen, und man darf wohl annehmen, daß er keinen Spaß daran hat, andere vorzuführen.

Die Stimme des Ostens hat nun gnadenlos über ein Idol des Ostens geschrieben: Gustav Adolf Schur, genannt Täve. Schur, Jahrgang 31, war in den fünfziger Jahren zweimal Weltmeister mit dem Rennrad und zweimal Gewinner der Friedensfahrt. In der DDR wurde er kurz vor der Wende zum populärsten Sportler aller Zeiten gewählt. Nun soll Schur für die PDS in den Bundestag einziehen. Am Samstag will ihn der sächsische Landesverband zum Spitzenkandidaten küren.

Wenn man Osang folgt, dann ist Schur ein einfältiger Mann, der als Mitglied des Deutschen Bundestages überfordert wäre. Seitdem die Geschichte erschienen ist, bekommt die Berliner Zeitung haufenweise Leserbriefe, in denen Ostdeutsche ihren Täve verteidigen und Osang beschimpfen. Die Leipziger Volkszeitung hat das Thema aufgegriffen, und nun wird am Beispiel Schur darüber gestritten, wer den Osten Deutschlands wie repräsentieren soll.

Von Schur begrüßt zu werden ist eine laute und fröhliche Angelegenheit. Er schnappt sich die Hand, schüttelt kräftig, beklopft die Schulter und ruft ein Willkommen. Nahtlos fährt er fort: "Mensch, da hat mich der Osang aber ganz schön aufs Kreuz gelegt." Er lacht. Der Kameramann eines Fernsehteams, dem Schur gerade ein Interview gibt, wirft ein: "Osang ist Kult." Schur lacht. Er soll dann in die Kamera sagen, was er über die Mauer denkt, und er erzählt von einem Alulenker, den er sich in den fünfziger Jahren nur in West-Berlin hat kaufen können, und das zu einem horrenden Wechselkurs. "Da war ich schon wütend." Später fügt er hinzu, die Menschen in Afrika oder Brasilien könnten auch nicht reisen, wie sie wollten. Und ihn selbst habe ja sowieso nie die Sehnsucht nach fernen Ländern gepackt.

Nach zwei Stunden mit Schur stellt sich die Frage, wie man über ihn realitätsnah schreiben kann, ohne gnadenlos zu sein. Er ist ein einfacher Mann. Er hat Maschinenschlosser gelernt, und dann war er Radfahrer. Natürlich redet er nicht geschliffen. Niemand kann ihm das vorwerfen. Auch Osang hat das nicht getan. Aber wenn Schur über Politik spricht, dann wird es heillos.

Auf konfuse Art malt er ein himmlisches Bild von der schönsten aller Welten, der DDR.

Alles war besser. Im Bundestag gebe es keine anständige Gesprächskultur, die Volkskammer dagegen: man sei nett miteinander gewesen. Und was wären die Toten an der Mauer schon gegen die Menschen, die weltweit unter kapitalistischen Bedingungen sterben müßten. Doping? "Es ist gemacht worden, aber mit Akribie und Verantwortungsbewußtsein, möchte ich sagen, insofern als man genau die Dosierungen festgehalten hat. Dies ist ja anderswo nicht gemacht worden. Und das werfe ich eigentlich den Sportmedizinern in der Bundesrepublik vor. Bei denen ist es nicht nachvollziehbar, das ist ja die Tragik."