Nur ein Wunder reicht eben nicht. Klar, die Bremer freuen sich über die drei Ausstellungshäuser, die sich ihnen in diesem Frühling wieder und neu öffnen. Und die Museen sind stolz auf die Bürger, weil sie mehr als fünfzehn Millionen Mark stifteten, um die drei verfallenen Häuser zu sanieren und neu einzurichten. Auch der von Werftenkrisen gebeutelte Senat ist glücklich: Bund und Land investierten ihrerseits mehr als zwanzig Millionen Mark in das Kunst- und Kulturwunder der Hansestadt. Doch bei allem Stolz - für viele überwiegt die bange Frage, ob sich Bremen den Unterhalt der neuen prächtigen Museen überhaupt leisten kann. "Das Geld für die Sanierung aufzubringen war nicht weiter schwierig", sagt Narziss Göbbel, Abteilungsleiter in der Kulturbehörde. "Denn durch solche Investitionen erhöht sich nicht der laufende Haushalt." Hingegen seien die Betriebskosten für Heizung oder Museumswärter immer noch zu hoch und müßten bis zum Jahr 2000 um ein Drittel gesenkt werden. Der Bund habe strikte Auflagen verfügt: "Wenn wir die nicht einhalten, entfällt die Sonderförderung, und die Stadt ist bankrott." Wie vielerorts in Deutschland: Der Boden ist verdorrt, und doch sprießen die Museen - ein panisches Wachstum treibt letzte Blüten.

Beate Manske hat für Zukunftssorgen im Moment keine Zeit: In dieser Woche eröffnet sie eine reichbestückte Schau über den deutschen Pionier des Industrie-Designs, Wilhelm Wagenfeld. Es ist die erste Ausstellung in der kleinen klassizistischen Wache, die jetzt nach Wagenfeld benannt worden ist.

Einige Vitrinen muß Manske noch an die richtige Stelle rücken, Erklärschilder fehlen, und Bilder müssen gehängt werden. Die Luft in den engen, schlicht geschnittenen Räumen atmet noch den frischen Estrich und den neuen Putz der Wände. Der Blick fällt durch die Sprossenfenster auf einen Innenhof: Efeu wuchert, das Licht blinkt herein, nur ein paar Gitterstäbe an den Fenstern schräg gegenüber stören das beschauliche Bild. Wer dann die Gänge entlangstreift, plötzlich vor einer ungeschlachten Eichentür mit Eisenbeschlägen steht, dem dämmert es: Dieses Gebäude war ein Gefängnis.

1828, als es nach Entwürfen des Bauinspektors Friedrich Moritz Stamm errichtet worden war, nannte es sich Detentionshaus unter den Nationalsozialisten wurde es zum Gestapo-Gefängnis, nach dem Krieg ein Jugendarrest, dann Polizeigewahrsam für Obdachlose und Untersuchungshäftlinge bis 1996 wurde hier die Abschiebehaft für abgelehnte Asylbewerber vollstreckt. Ein Flügel des Gebäudes erzählt noch ganz unverputzt von dieser Wirklichkeit hinter den schwer armierten Türen. Hier wird das Staatsarchiv ein Dokumentationszentrum einrichten.

So bedrückend die Enge heute erscheint, so groß die Qualen in den oft überfüllten Zellen waren - im Vergleich zu den mittelalterlichen Zwingern ähnelt das neue Gebäude von Stamm fast einer Villa. Die Hoffnung der Aufklärung trug diesen Bau: Seine Erhabenheit und Würde sollten abstrahlen auf die Gemüter der Gefangenen. Es wurde geheizt, es gab Licht und frische Luft, das Detentionshaus sollte eher Erziehungs- denn Strafanstalt sein. Eine Tempelfassade mit sechs dorischen Säulen ließ der Bauinspektor Stamm errichten - und glich damit das Gefängnis dem ehemaligen Zollgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite an, das seit 1971 die Skulpturensammlung des Gerhard-Marcks-Hauses beherbergt.

Die meisten Haushalte besitzen ein Stück von Wagenfeld - ohne es zu wissen

Marcks' neuer musealisierter Nachbar Wagenfeld mag wohl zunächst ein wenig fremdeln hinter der Portikus-Pracht. Schließlich war er nie nur ein Gestalter schmucker Vorzeigeobjekte, die in der Wohnzimmervitrine das Ansehen ihrer Besitzer zum Glänzen brachten. Seine Butterdosen, Kühlschrankgeschirre, Vasen, Salzstreuer oder Glastöpfe sollten zuallererst einem dienen: dem Zweck. Der in Bremen 1900 geborene Wagenfeld war ein Entwerfer, der das Alltägliche und Beiläufige ernst nahm, der sich in akribischer Material- und Formforschung den Milchkännchen und Tassenhenkeln verschrieb. Ohne es zu wissen, besitzen die meisten deutschen Haushalte einen Wagenfeld - sei es die Kellerlampe, die Türklinke oder das Küchensieb aus Plastik. Für WMF entwarf er Bestecke und Hotelgeschirr, er entwickelte für das Jenaer Glaswerk die henkellosen und feuerfesten Schüsseln aus Preßglas, und selbst für Senfgläser ersann er neue Formen und Löffelchen, die praktischer waren und billiger - für den Kunden wie für den Hersteller. Wagenfeld glaubte an die gute Form auch für das scheinbar minderwertige Produkt und wollte mit seiner Gestaltung den Alltag der Massen erreichen und verbessern. So fremd ist er also doch nicht in diesem Tempelhaus - der Glaube an die prägende, weltverbessernde Kraft der Formen eint ihn im Geiste mit den klassizistischen Baumeistern.