Am 1. Oktober 1987 kündigte Michail Gorbatschow die Öffnung des Nördlichen Seeweges für die internationale Schiffahrt an. Dieser Teil der berühmten Nordostpassage führt von Nowaja Semlja (siehe Karte) entlang der sibirischen Nordküste bis zur Beringstraße und verkürzt die Strekke von Europa nach Japan im Vergleich zur Route durch den Sueskanal um etwa vierzig Prozent. Doch die internationale Schiffahrt hat sich bisher zurückgehalten - der Nördliche Seeweg gilt als unberechenbar und gefährlich.

Ende April soll nun eine internationale Expedition von Murmansk aufbrechen und prüfen, ob sich mit moderner Technik ein Transportsystem aufbauen läßt, das möglicherweise auch im Winter ein sicheres Befahren der vereisten Seegebiete erlaubt. Das Projekt wird von der Europäischen Union, dem Bonner Forschungsministerium und Wirtschaftsunternehmen wie der finnischen Ölgesellschaft Neste Oy gefördert. Von Murmansk aus sollen zwei Tanker und zwei russische Eisbrecher bis zur Bucht des Flusses Ob im Norden Rußlands fahren. In den vergangenen zwei Jahren wurden nämlich an der Küste Nordwestsibiriens riesige Öl- und Erdgaslager entdeckt, mit denen die EU im nächsten Jahrhundert einen Großteil ihres Energiebedarfs decken könnte. Der Transport müßte mit eisbrechenden Tankern erfolgen, einem neuen Schiffstyp.

Insgesamt schickt Brüssel siebzig Wissenschaftler auf die dreiwöchige Versuchsfahrt in die russische Arktis. Joachim Schwarz, verantwortlich für Eistechnik an der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) und einer der Initiatoren des Projektes, nennt als Ziel, "den gegenwärtigen Stand der arktischen Schiffahrt zu untersuchen und das Potential für ein verbessertes Transportsystem zu definieren, das drei Bedingungen erfüllen soll: Sicherheit, Zuverlässigkeit und Rentabilität".

Die Erschließung des Nördlichen Seeweges verlief in eng an die technische Entwicklung gekoppelten Schüben. 1878 bis 79 bewältigte der schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld auf dem dampfgetriebenen Walfangschiff Vega erstmals die gesamte Strecke, allerdings mit einer Überwinterung im Eis.

Unter Stalin begann eine stürmische Entwicklung, die auch von Rückschlägen gekennzeichnet war: 1934 wurde der (nicht eisverstärkte) Kohledampfer Tscheljuskin östlich der Wrangel-Insel vom Packeis zerquetscht, die Mannschaft kampierte zwei Monate lang bei bitterer Kälte auf einer Eisscholle. 1937 wurden 42 Schiffe im Eis eingeschlossen.

Die junge Sowjetunion erschloß dann den Nördlichen Seeweg mit großem Aufwand: Tausende Menschen wurden an der sibirischen Küste angesiedelt, Dutzende Wetter- und Funkstationen eingerichtet, Häfen und Atomeisbrecher gebaut, deren Leistung von 55 Megawatt unübertroffen ist. Mit solchen Eisbrechern wird der Westteil des Nördlichen Seeweges bis zur Mündung des Jenissej ganzjährig befahren. Die große weitere Strecke bis zur Beringstraße dagegen wird wegen geringen Frachtaufkommens nur von Juli bis Oktober benutzt, ein ganzjähriger Betrieb wäre jedoch möglich.

Brüssel schickt siebzig Forscher in die Eiswüste