Die Insel hat ein Unten und ein Oben. Unten, down south, ist London, ein chaotisches Gewirr aus endlosen Häuserzeilen, riesigen Parks, Industrieanlagen, Fußballstadien und Gleisen. Oben, up north, ist das schottische Hochland. Unten ist das Geld und die Macht und alle Herrlichkeit.

Oben riecht die Luft nach Heidemoor und Tweed. Seit einem Jahr rührt sich unten etwas ganz Aufregendes, noch nie Dagewesenes. Cool Britannia. Diese Geschichte handelt von einem von oben, der auszog, das neue Land unten zu finden.

Oben ist Cool Britannia nämlich noch nicht angekommen. Man liest darüber in der Zeitung. Man hört davon im Radio. Man hat so eine Vorstellung, alles sei neu und irgendwie anders. Dynamisch. Modern. Kreativ. Großbritannien, heißt es, sei eine den Herausforderungen des neuen Jahrtausends gewachsene, junge Nation. Der neue Kulturminister hält Bob Dylan in gleicher Hochachtung wie John Keats. Der Außenminister schmeißt das ehrwürdige Gemälde eines nepalesischen Maharadschas und ledergebundene Bücher aus seinem Büro im Foreign Office, weil sie "zu altmodisch" sind. Die Labour-Partei veranstaltet ihre Parteitage in Zukunft nicht mehr in Blackpool, sondern an der Südküste der Insel, weil das schmuddelige, traditionsverhaftete Arbeiter-Seebad in Nordengland "ein falsches Image vermittelt", wie im Independent zu lesen war.

"Cool Britannia" war ursprünglich ein Popsong, eine nicht sehr ernst gemeinte Parodie auf "Rule Britannia", das patriotisch-aufwühlende Finale einer Oper des Haydn-Zeitgenossen Thomas Arne. 1996 erklärte das amerikanische Wochenmagazin Newsweek London zur "coolsten Metropole der Welt". Ein von niemandem sehr ernst genommenes Urteil. Der amerikanische Eishersteller Ben & Berry's rührte zur gleichen Zeit ein Vanilleeis mit Erdbeeren und schokoladeüberzogenen Butterkekskrümeln in einer "unverkennbar britischen Verpackung" zusammen. Das Ergebnis mit dem Markennamen "Cool Britannia" wurde zur "Eiskrem des Jahres" gekürt. Der Markenname wurde zum Synonym für Blairs New Britain.

Letzte Woche lief die bislang coolste Kampagne an. Sie heißt "Powerhouse::uk" und findet gleich um die Ecke von Tony Blairs Wohnung in Downing Street statt. Eine Ausstellung, mit der "der selbsternannte König von Cool Britannia für sein Reich als das aufregendste Land der Welt werben will". So stand es in unserer Tageszeitung.

Uncool und tweedbejackt mache ich mich auf den Weg down south. Etwas beklommen. Kann man sich in London überhaupt noch in Tweed sehen lassen? Oder muß man sich darauf gefaßt machen, wie unser mittlerweile verstorbener Nachbar "Bunny" Roger, ein altertümlicher Dandy vom Scheitel bis zur Sohle, von einem Taxifahrer angemacht zu werden: "Liebling, du hast deine Diamanten verloren!" Worauf Bunny zurückgab: "Diamanten mit Tweed? Niemals!"

Auf der Fahrt zum Flughafen ein kurzer Besuch bei Campbells of Beauly, dem schönsten Tweedladen Schottlands, um eine bei einer ganz und gar uncoolen Betätigung - der Fuchsjagd - beschädigte Jacke zur Reparatur zu geben. Mister Campbell und seine zwei wie immer makellos im Stil der zwanziger Jahre geschminkten Schwestern sind, gottlob, unverändert.