die zeit: Die Zahl neonazistischer Gewalttaten steigt wieder an. Warum?

Peter Frisch: Man muß differenzieren: Neonazis begehen in der Regel keine Gewalttaten. Sie fördern aber die aggressive Haltung zur Gewalt neigender Jugendlicher. Diese bedenkliche Entwicklung zeigt sich vor allem in den neuen Ländern. Dort ist die Gewaltbereitschaft dreimal so hoch wie in den alten Bundesländern.

zeit: Nicht nur die Bereitschaft zur Gewalt. Die Erhebungen einzelner Bundesländer weisen aus, daß die Zahl der Gewalttaten 1997 erstmals seit Jahren wieder sprunghaft angestiegen ist.

Frisch: Ja, insgesamt um mehr als 20 Prozent. Die neuen Bundesländer stehen an der Spitze der Gewaltstatistik: 45 Prozent der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten werden dort begangen - bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent. Hierfür gibt es eine Reihe von Ursachen: die Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen, Haß gegen Ausländer als Konkurrenten im Kampf um Arbeitsplätze und als Empfänger von Sozialleistungen, Mängel in der Freizeitgestaltung, der überproportional hohe Anteil der Skinheads im Osten, das dortige Stimmungsklima und Einstellungen, die die Gewaltanwendung gegen Ausländer fördern.

zeit: Sie meinen die These, die Gewalttäter dürften sich aus der Mitte der Gesellschaft ermutigt fühlen?

Frisch: Diese Formel erscheint mir mißverständlich. Richtig ist: Gewalttäter empfinden sich dort oft als Vollstrecker des Willens eines Teils der Bevölkerung. Ich vermisse so eindeutige Distanzierungen, wie wir sie bei uns nach den scheußlichen Gewalttaten von Rostock bis Solingen durch Lichterketten und Demonstrationen erlebt haben. Aufgrund jahrzehntelanger Schwarzweißmalerei wurde in den neuen Ländern, das ist jedenfalls eine der Ursachen, die Toleranz weniger entwickelt. Das hat sich auf die Kinder ausgewirkt.

zeit: Wollen Sie sagen, daß Erich Honecker für den Extremismus heute Sechzehnjähriger verantwortlich ist? Die sind immerhin im Staat des Grundgesetzes groß geworden.