Wenn der Mensch", so Octavio Paz in einem frühen Essay, "nicht mehr metaphysisch, sondern historisch definiert werden soll, muß man das Wort ,Sein' durch das Wort ,zwischen' ersetzen. Der Mensch steht zwischen Himmel und Erde, zwischen Wasser und Feuer, zwischen Pflanze und Tier, zwischen Mythos und Wirklichkeit: im Zentrum der Zeit. Alle diese Gedanken kann man auf einen einzigen zurückführen: der Mensch zwischen den Menschen."

Dies war und blieb ihm wichtig, seit er, wie er mir 1980 erzählte, fast als Kind noch herausfand, daß es ohne Dichter keine Helden gebe daß sich die Taten der Menschen im Nichts verlören, würden sie nicht festgehalten durch das Wort daß die Literatur also "das Gedächtnis der Völker" sei. Das Sein als das Problem der modernen Philosophie, Heidegger insbesondere, habe ihn dagegen nur insoweit interessiert, als "das Sein des Menschen und vielleicht aller Wesen mit anderen kommuniziert. Der Mensch" (er sagte es langsam, mit zunehmender Eindringlichkeit) "ist Relation. Darum ist der Begriff ,zwischen' fundamental. Wenn wir etwas entdecken im 20. Jahrhundert, ist es die Wichtigkeit des Zusammen-Lebens."

Octavio Paz, weltberühmt, viel geehrt, etwa mit dem Premio Cervantes, dem höchsten Literaturpreis spanischer Sprache (1981), dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1984) sowie dem Literaturnobelpreis (1990), ist am 20.

April 84jährig in Mexiko-Stadt gestorben. Er hinterläßt ein mehr als fünfzig Bücher umfassendes lyrisches und essayistisches, ein vielschichtiges und vielgesichtiges Werk von ungewöhnlicher sprachlicher Dichte und gedanklicher Ausstrahlungskraft.

Doch ist das Wort entre, das im lyrischen Werk als Bild der Brücke, als Schwebezustand zwischen zwei Polen oftmals bereits in der Verskonstruktion zutage tritt, vielleicht das sein Leben am stärksten prägende und in seinen Texten häufigste Wort. Als ich ihn um ein poetisches Selbstportrait bat, zitierte er Verse aus dem Langgedicht "Nocturno von San Ildefonso":

Zwischen Tun und Schauen, Aktion oder Kontempla- tion,

wählte ich das Werk der Wörter: sie machen, bewoh- nen, der Sprache Augen geben ...