Schon vergessen? Vor einem Jahr, als immer neue Milliardenlöcher im Bonner Haushalt die deutsche Qualifikation für die Währungsunion gefährdeten, machte sich Theo Waigel mit seinem Griff nach den Goldreserven der Bundesbank zum Gespött. Der deutsche Oberlehrer - verzweifelt und fast pleite. Beladen mit einem Bündel gescheiterter Reformen und hoher Arbeitslosigkeit schaffte Theo schließlich so gerade noch die Drei-Prozent-Hürde von Maastricht.

Jetzt ist Waigel wieder obenauf. Und schon hebt er erneut den Zeigefinger: Italien und Belgien, die Euro-Länder mit den höchsten Schulden in der EU, sollten schnellstmöglich ihre roten Zahlen verringern. Dazu müsse der Stabilitätspakt, mit dem Bonn die Maastricht-Kriterien verewigte und alle Mitglieder der Währungsunion ab 1999 auf einen drastischen Sparkurs verpflichtet, schon in Kraft treten. Mehr noch: Sollte Europas anziehende Konjunktur Rom und Brüssel überraschende Steuereinnahmen in die Kassen spülen, müßten sie diesen Geldsegen ausschließlich für Zins und Tilgung verwenden.

Nun behauptet niemand, Italiens und Belgiens übervolle Schuldbücher seien kein Problem. Eben deshalb haben sich ja beide Regierungen - gegenüber ihren Wählern wie auch in diversen EU-Gremien - verpflichtet, die Erblast früherer Verschwendung abzutragen. Warum also verlangt Waigel mehr? Der Verdacht liegt nahe: Da traut einer seinen künftigen Euro-Partnern und ihren Stabilitätsschwüren nicht so recht über den Weg.

Nein, nein, wiegelt Bonns Finanzminister ab, von Argwohn keine Spur. Wer freilich heute Waigels Worten mehr Glauben schenkt als noch gestern seinen Zahlen, dem bleibt nur noch eine Erklärung: Der CSU-Vorsitzende spielt, angetrieben von seinem bayerischen Parteifeind Edmund Stoiber, in der Fremde den harten Kerl, um daheim das Euro-skeptische Publikum mal so richtig zu beeindrucken. Es ist Wahlkampf, in Bayern wie in Bonn - und bei Europa schaut eh keiner so genau hin. In zehn Tagen, am Rande des großen Euro-Gipfels in Brüssel, wird der Minister "Sieg" verkünden. Er wird ein Stück Papier durch die Luft wedeln, das bis zum Ende des deutschen Wahljahres alle Welt vergessen hat. Die Erinnerung an Waigels eigene Versäumnisse - die bleibt jedoch.