Angefangen hatte er wohl mit dem netten Fernsehpfarrer Jürgen Fliege: der Unterbietungswettbewerb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit den Privaten. Seitdem plaudert man auch bei ARD und ZDF über Leben "am Rande der Legalität" und sorgt sich um den "Alptraum Scheintod". Die neuen Produkte dieses Wettbewerbs sind die "Johannes B. Kerner-Show" und "Sabine Christiansen" (ZEIT Nr. 8/98). Sie schicken sich an, die letzten öffentlich-rechtlichen Grenzen zu überschreiten.

Seit Januar bläst das ZDF zur "Kernerisierung" Deutschlands. Insgesamt 54mal wird uns der Zeitgenosse Johannes Baptist Kerner am Jahresende erschienen sein: als Moderator des ZDF-Sportstudios, sechs großer Sonntags-Shows, vor allem aber als 38malige Inkarnation JBK in der "Johannes B. Kerner-Show". Im Gegenzug startete auch die ARD mit "Sabine Christiansen" eine Talk-Show eine "unorthodoxe Gesprächssendung" für "Nicht-ZEIT-Leser", angesiedelt nicht in der Politik, sondern in der Unterhaltung.

Nun sind natürlich auch die neuesten Roben aus der öffentlich-rechtlichen Haute Couture nicht ganz neu. Wem nichts Eigenes einfällt, der mixt halt einfach die Zutaten. "Populär" sollten die neuen Personality-Shows sein, "unterhaltsam, seriös und informativ", kurz gesagt: "monothematisches Infotainment mit Reportagebeiträgen, Live-Schaltungen und Studiogesprächen" eine "personalisierte Infosendung", so die ARD über "Sabine Christiansen", ein "Magazin mit Talk-Elementen", irgendwo zwischen Talk-Show und "Brennpunkt". Und auch die Kultur, machte die Moderatorin zu Sendebeginn den nach hinten verschobenen hauseigenen Kulturmagazinen angst, sollte nun Platz in ihrer Show haben.

Der Werdegang der Kreation ist bekannt. Die Sendung sackte zusammen wie ein zur Unzeit vom Feuer weggerissener Auflauf. Da nützte es wenig, daß die Macher von "Sabine Christiansen" bei ihrem neuen Produkt um eine Schonzeit von hundert Tagen gebeten hatten. Zu viele Zutaten, zu große Versprechen, zuviel Plauderei und zuwenig Konzentration auf die gewählten Themen: Daß man mit solchem Rezept keine Qualität abliefern kann, hätte jeder zuvor wissen müssen, der es nachher nicht hatte hören wollen. Vor allem nicht aus der Presse, die - wenig überraschend - die überfeierte Nachrichtenfrau sezierte und hämisch Pleiten, Pech und Pannen auflistete. So als bestünde das Problem einer Sendung wie "Sabine Christiansen" tatsächlich nur in der Kopflosigkeit der vormals unterleibslosen Moderatorin.

Wer sich am tiefen Fall der Fernsehprinzessin zynisch erfreut, übersieht leicht den viel größeren Zynismus: die Ästhetik einer Talk-Show, die wie "Sabine Christiansen" oder die "Johannes B. Kerner-Show" schon im Titel keine Themen mehr suggeriert, sondern personalisierte Leerformeln, aufgeblasen zu Markenartikeln. Konnte sich der gebührenzahlende Fernsehfreund bisher nur an "Willemsens Woche" oder dem großen Glück erfreuen, zu "Willemsens Zeitgenossen" zu zählen, so stellt sich nun auch bei "Sabine Christiansen" und der "Johannes B. Kerner-Show" die Frage: Um wen geht es hier eigentlich?

Der Name als Inhalt ist nicht neu. Doch wo zu seliger Fernsehzeit die "Peter-Alexander-Show" tatsächlich Peter Alexander zeigte, wie er singt und tanzt, laufen die vollmundigen Ankündigungen öffentlich-rechtlicher Programmchefs heute kläglich ins Leere. Die Zeiten, in denen Talk-Größen wie Alfred Biolek sich den Namen als Markenzeichen über Jahrzehnte erarbeiten konnten, sind heute vorbei. Noch nie waren die Qualitätsversprechen so groß - und die Figuren so blaß und belanglos. Die neue ZDF-Kreatur Johannes B.

Kerner ist tolerant, dynamisch, aufdringlich, ehrgeizig, überdreht, schlagfertig und voller Elan. Kein Talk erscheint ihm interessant genug, stets will er zugleich durch ständiges Grinsen und Kichern die Laune des Publikums heben. Glucksend ergötzt sich die Frohsinns-Figur daran, wie Fußballer Mario Basler mit seinem Berater im selben Zimmer geschlafen hat.