Der Kiewer Kleinunternehmer Igor K. hat zwar keine Ahnung von Ökonomie, doch er kann trotzdem wunderbar erklären, warum die ukrainische Wirtschaft nicht wächst: Die Auftragsbücher seines Druckereibetriebes mit neunzehn Beschäftigten sind voll, die Maschinen laufen rund um die Uhr, die Gewinnspannen sind hoch. Und dennoch expandiert er nicht. "Wenn ich noch erfolgreicher arbeite, mache ich andere nur auf mich aufmerksam", sagt der 35jährige.

Mit "andere" meint Igor eine ganze Horde von Bürokraten, die nur zu gerne von ihm abkassieren. An erster Stelle steht die Steuerpolizei, denen der Druckereichef 400 Dollar im Monat dafür zahlt, daß sie bei ihren regelmäßigen Besuchen beide Augen zudrücken. "Die können jeden zu Tode prüfen, so widersprüchlich sind unsere Gesetze", sagt der Kleinunternehmer mit einem Jahresumsatz von 600 00 Dollar. Zudem braucht er noch eine kryscha, ein Dach.

Igor hat allerdings zu seinem Schutz nicht die Mafia angeheuert noch verläßlicher sind die Beamten des Innenministeriums. Wenn ein Kunde einmal nicht zahlt, dann regeln die Staatsdiener die Sache auf ihre Art - und bekommen dafür die Hälfte der einkassierten Summe. Nur einmal hat das nicht geklappt, als die Administration von Präsident Leonid Kutschma für einen Auftrag nicht zahlte. "Die Verbindungen aus Sowjetzeiten bestehen bis heute", sagt der Druckereichef. "Meine Kontakte reichen nicht aus, um meinen Betrieb zu vergrößern."

Die Ukraine im siebten Jahr ihrer Unabhängigkeit: Korruption und Vetternwirtschaft lähmen den mit 51 Millionen Einwohnern zweitgrößten Nachfolgestaat der Sowjetunion. Während die einstige Rüstungs- und Stahlschmiede der Weltmacht in weiten Teilen nur noch vor sich hin rostet, walzt die staatliche Bürokratiemaschine die aufkeimenden Pflänzchen unternehmerischer Eigeninitiative immer wieder platt. Auch die Landwirtschaft verfällt trotz hervorragender Böden. Mit knapp tausend Dollar beträgt das offizielle Bruttoinlandsprodukt pro Kopf nur ein Drittel des russischen.

Während sich die Krise immer weiter zuspitzt, zeigt sich Präsident Leonid Kutschma, der vor dreieinhalb Jahren als Reformer angetreten ist, handlungsunfähig. Das haben ihm die Wähler Ende März quittiert: Im neuen Parlament, das Anfang Mai zusammentritt, wird mindestens ein Drittel der Abgeordneten von den Kommunisten gestellt.

Inzwischen ist sogar der einzige wirtschaftspolitische Erfolg der vergangenen Jahre in Gefahr: Erstaunlich kompromißlos senkte die Nationalbank die jährliche Inflationsrate von mehr als 10 000 Prozent 1993 auf nur noch 10 Prozent im vergangenen Jahr. Doch schon bald könnte die Stabilität des Griwnja, der ukrainischen Währung, nicht mehr eine Frage des politischen Willens sein: Rund fünfzig Prozent Jahreszinsen auf heimische Schatzwechsel wird sich das Finanzministerium nicht mehr lange leisten können auch ausländische Geldanleger sind nur begrenzt willig, dem reformresistenten Land Geld zu leihen - mit sechzehn Prozent zahlt die Ukraine auf einen DM-Eurobond einen höheren Jahreszins als jedes andere osteuropäische Land. Dabei könnte es die Regierung viel billiger haben doch der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank haben frustriert ihre Kreditprogramme ausgesetzt. Und die Bevölkerung wird es nicht mehr lange hinnehmen, daß sie den Staat zwangsweise in Form nicht ausgezahlter Löhne, Renten und Stipendien kreditieren muß. Wann also wird die Zentralbank wieder Geld drucken müssen?

"Ich will mir dieses Szenario nicht einmal theoretisch vorstellen", wehrt Nationalbankchef Wiktor Juschtschenko ab. Der 43jährige ist der Exot im Kiewer Regierungsapparat, auch ausländische Berater loben ihn. Während Präsident Kutschma in seiner Amtszeit bisher im Jahresrhythmus Premier- und Finanz-, Wirtschafts- und Wirtschaftsreformminister ausgewechselt hat, leistet Juschtschenko seit Januar 1993 kontinuierliche Arbeit. "Mit der Geldstabilität ist es wie mit der Liebe. Man muß sie täglich beweisen", sagt Juschtschenko. "Wenn ich mir nicht sicher wäre, daß wir unsere Währung stabil halten können, wäre ich nicht der richtige Notenbankchef."