Auf Messers Schneide stand der Symphoniker Robert Schumann bislang vornehmlich in den Duellen der Musikkritik. Zu klobige Instrumentierung, zu deutliche Kopie des Klaviersatzes, meckerten die einen die anderen sahen gerade in den Symphonien Schumanns Poesie meisterhaft leuchten - als janusköpfige, biographisch unterfütterte Doppelwelt aus Florestan und Eusebius. Zu hören waren die Werke indes lange aus den gut gefetteten Auflaufformen ihrer Bearbeiter. Gustav Mahler, Felix Weingartner und Kollegen hatten es zu ihrer Zeit für geboten gehalten, den als schmalbrüstig empfundenen Symphoniker Schumann auszustopfen - Füllstimmen, Verdoppelungen und Tonrepetitionen, immer wacker rein damit. Und so wurde er präsentiert: als stattlicher Altmeister mit schönen Melodien und Speckrolle am Orchesterbauch.

Seit einiger Zeit wird das Messer wieder gewetzt, allerdings ist es das chirurgische der historischen Aufführungspraxis, die längst im 19.

Jahrhundert angekommen ist. Als jüngstes Zeugnis von genauer Partiturprüfung und stilgeschichtlicher Befragung darf John Eliot Gardiners Schumann-Aufnahme (DGG Archiv 3 CD 457 591-2) mit dem fabelhaften Orchestre Révolutionnaire et Romantique begrüßt werden (vier Symphonien, dazu die vielversprechende frühe "Zwickauer", das jagdfrische Konzertstück für vier Hörner sowie "Ouvertüre, Scherzo und Finale"). Gardiners Vademecum in Schumanns, von Überarbeitungen zugewucherten Orchesterwerken: Er verordnet den Besetzungsgrößen Diät, achtet auf Balance zwischen Streichern und Holzbläsern, setzt auf schmiegsame Artikulation und aufgekratzte Synkopen (als Rhythmiker war Schumann ein vehementer Unruhestifter).

Das Blech fährt beizeiten mit scharfer Klinge dazwischen und sägt die überflüssigen Kothurne unter Schumanns Füßen gleich mit ab. Gottlob geht Zartes nicht eiskalt vor die Hunde, sondern wird so diskret behandelt, daß man erst recht an das Wahre im Schlichten glaubt. Nie klingt hier der Gestus wie die Karikatur des Authentischen. Der Schwung verkommt nicht zur Grimasse eines allzu glatt historisierenden Erlebnishungers. Wer über die bisweilen dionysischen Tempi staunt, muß wissen, daß der himmelstürmende Schumann von 1841 weit feuriger empfand als der sedierte, langsamer denkende der fünfziger Jahre. Devise für Befremdete: Schlag nach im Original! Schumanns lyrisches Genie war halt ein utopisches, da kann man nix machen - außer Gardiner zu lauschen, wie er ins Fleisch der Geschichte schneidet, ohne Musik über die Klinge springen zu lassen.