Wang Dan, der revolutionäre Führer des Pekinger Frühlings von 1989, befindet sich wieder auf freiem Fuß. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Wangs Einsatz mit Stirnband und Megaphon auf dem Platz des Himmlischen Friedens bleibt ein Symbol für Widerstandskraft und Freiheitsliebe des chinesischen Volkes. Die Freilassung Wangs ist ein weiterer Schritt auf dem Weg der amerikanisch-chinesischen Annäherung neun Jahre nach dem Massaker - und acht Wochen vor Bill Clintons Besuch in der Volksrepublik.

Falsch wäre es indes, dies allein als eine wohlfeile politische Geste gegenüber dem Westen zu verstehen. Nur zu gut kennen die roten Mandarine die Geschichte Lenins, der die russische Oktoberrevolution vom Schweizer Exil aus organisierte. Und Südkoreas neuer Präsident Kim Dae Jung war einst ein genauso einsamer Exilant in Amerika wie heute Wang Dan und der im November abgeschobene Wei Jingsheng.

Im Vergleich zu den anderen innenpolitischen Risiken, denen sich Peking derzeit aussetzt, ist der Fall Wang Dan allerdings von geringer Bedeutung.

Politisch viel dramatischer sind die Gräben, die sich seit dem 15. Parteitag der Kommunistischen Partei im vergangenen Herbst zwischen dem Regime und der Arbeiterschaft auftun. Ob in den Rüstungsschmieden Sichuans oder den Kohleminen Zentralchinas - unbeirrt baut die Regierung in den Staatsbetrieben Millionen Arbeitsplätze ab. Keine Stadt, kein Dorf, das die Entscheidung des Parteitages, Subventionen und Arbeitsplätze zu streichen, nicht zu spüren bekäme. Für ein neues Sozialsystem aber fehlt das Geld.

Niemand kann der Regierung jedoch ernsthaft anraten, den wirtschaftlichen Umbau zu stoppen. Auf dem Gelände der Peking-Universität, wo Wang Dan einst studierte, entstehen heute neue Lehranstalten für die Betriebs-, Rechts- und Naturwissenschaften: eine Investition in Chinas Zukunft.

Insofern ist Wangs Freilassung auch eine Geste nach innen. Je mehr sich die Kommunisten von der Arbeiterschaft abwenden, desto mehr suchen sie den Rückhalt des Regimes in den dünnen urbanen Schichten, die als erste von den Reformen profitieren. Das sind nicht zuletzt die Studenten, Nachfolger der 89er Generation, denen die Pekinger Reformpolitik neue, aufregende Lebensentwürfe bietet. Schon ist in Peking von einem neuen politischen Frühling die Rede. Doch anders als 1989 ist mit keiner neuen Revolte zu rechnen: Zu sehr ist die Jugend, sind Akademiker und Forscher fasziniert von den Angeboten des kommerziellen Fortschritts.

Ironischerweise wird damit die Sache der Freiheit und der Menschenwürde in China wieder zur Sache der Arbeiter. Vielen von ihnen droht Arbeitslosigkeit und bittere Armut. Daraus einen Weg zu finden, hatten sich die Kommunisten 1949 zum Ziel gesetzt. Jetzt kommt es darauf an, wer es nach fünfzig Jahren wiederentdeckt. China braucht noch viele Wang Dans.