Welch ein Ende! Weltweit wird die Szene in die Wohnzimmer übertragen: Auf einem Haufen Sperrmüll verbrennt der Mann, den jeder in Kambodscha mit Todesangst fürchtete: Pol Pot. In den vier Jahren seiner Schreckensherrschaft von 1975 bis Ende 1978 hat er zwei Millionen seiner Landsleute umbringen lassen, ein Viertel der Bevölkerung. Ob es wirklich seine Leiche ist, fragen die Kommentatoren, die Leiche des Massenmörders, der bis zum Schluß darauf beharrte, ein reines Gewissen zu haben. Die Bilder zeigen junge Dschungelkämpfer, die gleichmütig in die Flammen schauen. Pol Pots Mordgesellen sind nicht zu sehen. Sie haben sich längst beruflich verändert.

Oder sie kämpfen ihre letzten Gefechte: Ta Mok, der Oberbefehlshaber der Roten Khmer, Khieu Samphan, ihr politischer Führer, und die, die ihnen geblieben sind. Ein paar Hundert sollen es nur noch sein. Zehntausende sind in den letzten Wochen desertiert. "Die Roten Khmer haben aufgehört zu existieren", verkündet der Untergrundsender der Guerrilleros pathetisch.

Wirklich?

Aus dem Gedächtnis steigt die Szene wieder auf: Mara liegt unter einem blauen Stück Plastik, malariageschüttelt. Es ist 1979, gerade sind die Vietnamesen in Kambodscha einmarschiert. Da tauchen an der Grenze zu Thailand eine Million ausgemergelter Geistergestalten in zerfetztem schwarzen Einheitsdrill auf: die Überlebenden des Massenmords, sie haben sich in Todesverzweiflung durch die Linien geschlichen. Mara sieht nicht aus wie eine Bäuerin, deshalb spreche ich sie französisch an. Erschreckt schaut sie auf. Des Französischen mächtig zu sein bedeutete unter Pol Pot den sicheren Tod. Das gesamte Bürgertum hat er ausmerzen lassen, alle mit einer höheren Schulbildung, ja, selbst Brillenträger waren Todeskandidaten. Mara, die 36jährige Lehrerin, hatte versucht, ihr Französisch zu vergessen. Nur langsam kommen ihr die fremd gewordenen Wörter über die Lippen. Vier Jahre lang war sie nach der Vertreibung aus der Stadt mit Hacke und Schaufel unterwegs gewesen, von einem Arbeitslager zum anderen, wie alle damals. Ihr Mann? Verhungert. "Mittags gab es sieben Löffel Reis und abends sieben, bei siebzehn Stunden Arbeit." Ihre drei Kinder? Verloren. "Wir mußten getrennt marschieren." Trockenes Schluchzen. Abgrundtiefe Angst in den Augen. "Sie sind noch alle da", flüstert sie. "Achten Sie auf die kräftigen Burschen." In der Tat. Selbst das Millionenheer der Flüchtlinge wurde noch von den Kadern der Roten Khmer gesteuert. Sie wiesen die Biwakplätze an, verteilten die Rationen der westlichen Helfer. Angkar, "die Organisation", war weiter allgegenwärtig. Und im Dschungel kämpfte, mit der Zivilbevölkerung als Geisel und von China wie vom Westen großzügig unterstützt, Pol Pot mit seinen Spießgesellen, diplomatisch anerkannt als die einzig legitime Regierung des demokratischen Kampuchea!

Mehr als zehn Jahre später traf ich Mara in Phnom Penh wieder. Sie arbeitete als Führerin in Tuol Sleng, dem einstigen Verhör- und Folterzentrum der Roten Khmer. Niemand, der heute dort hineingeht, kommt unverändert wieder heraus.

Nicht die Blutreste an den Wänden sind es, nicht die Folterwerkzeuge - es sind die Photos, die man nicht vergißt. 17 000 Menschengesichter, abgelichtet unmittelbar vor ihrer Exekution, blicken entsetzt in die Kamera: Frauen, Männer, kleine Kinder. Nur einer lacht ungläubig. Versteinert führt Mara die Besucher durch die Gedenkstätte, als ginge sie das alles nichts an. Ihre Kinder hat sie nie wiedergefunden. Nur 20 000 Kinder konnten vom Suchdienst des Roten Kreuzes mit ihren Angehörigen vereint werden. Plötzlich flüstert Mara: "Die Mörder leben weiter unter uns."

Sie hat recht. Was in Kambodscha nationale Versöhnung genannt wird, ist für die meisten Menschen ein Alptraum. Schon sitzen Pol Pots Genossen wieder in Parteien und Ministerien, willkommen geheißen vom Regierungschef Hun Sen.