Es scheint, daß die Medieninszenierung der Politik auf Kosten der Medien geht. Das ist der Eindruck nach dem Leipziger Parteitag der SPD. Aus der Inszenierung der Politik machten die Medien die Politik der Inszenierung. Sie blickten hinter den Vorhang - und sahen den Vorhang. Dabei war der Parteitag nicht trotz, sondern mit seiner Inszenierung inhaltlich spannend. Aber wir sind es gewohnt, die Metapher "Inhalt" insbesondere für das Rascheln von Programmpapier vorzuhalten.

Vor allem Gerhard Schröder ließ in seiner vorweggenommenen Regierungserklärung bislang Unerhörtes hören. Er zwang dem SPD-Parteitag die Denkweise der Unternehmer auf. Und er sagte etwas, was man in Deutschland von einem Politiker, von einem SPD-Kanzlerkandidaten so deutlich noch nie gehört hatte: Er zog einen Schlußstrich unter die deutsche Vergangenheit. Und zwar an einer Schlüsselstelle seiner Rede, bei der Europapolitik: Aus seiner Sicht entspringt Helmut Kohls Europapolitik den Schrecken der deutschen Vergangenheit. Forsch setzt Schröder dagegen die Normalität seiner Generation, die "neue Mitte". Es gehe nicht um "Krieg oder Frieden". "Die europäische Währung ist nicht der Preis für unsere Geschichte." Nur "Kohl will uns weismachen, der Euro müsse sein zur Bewältigung unserer Vergangenheit".

Die europäische Integration soll keine Flucht vor oder keine Erlösung von der deutschen Geschichte sein. Durch die Vereinigung Europas verschwinden die nationalen Interessen nicht, sondern sie werden herausgefordert. Die Schröder-Generation will sie nun unbelastet formulieren. So grundsätzlich und apodiktisch, wie Schröder hier redete, muß es als Grundsatz genommen werden: Auschwitz kann nicht mehr das letzte Motiv oder die geheime Legitimation politischen Handelns sein. Ein Fall für ideologischen Streit, für Entlarvung, für einen neuen Historikerstreit? Dazu fehlt Schröder der ideologische Impuls, den Kohl noch bei seinem Regierungsantritt hatte. Leugnung der deutschen Geschichte wird man ihm nicht unterstellen können. Trockene Feststellung ist sein Tenor - die platte Rhetorik der neuen Selbstverständlichkeit. Ist ein neuer Historikerstreit noch denkbar? Oder ist seine ideologische Hegemonie erschöpft? Die Medien haben diese Passagen ignoriert. Aus Blindheit oder aus der neuen Normalität heraus, für die die Gnade der späten Geburt kein Thema mehr ist, weil sie sich von selbst versteht?