Das letzte Mal wird nicht das allerletzte Mal gewesen sein. Mit der "Travelogue"-Trilogie, die ihren Ruf als Choreographin begründete, war Sasha Waltz schon um die halbe Welt getourt. Aber ausgerechnet dort, wo die einzelnen Stücke seit 1993 im Jahresabstand sukzessive entstanden waren, in Berlin, war der Dreiteiler noch nie komplett zu sehen gewesen. Am langen Osterwochenende gab es nun endlich Gelegenheit, dies nachzuholen: "zum ersten und zum letzten Mal", so war avisiert. Die "Travelogue"-Tänzer sind inzwischen in alle Winde Europas verstreut.

"Twenty To Eight", "Tears Break Fast" und "All Ways Six Steps": getanzter Alltag zwischen Küche, Bad, Bar und Schlafzimmer. Skurril-surreale Momentaufnahmen aus dem (klein-)bürgerlichen Heldenleben, automatenhafte Leerläufe, erotische Ausbrüche, autistische Rituale. Sasha Waltz hat in diesen frühen Stücken schon ihr unverwechselbares Bewegungsvokabular entfaltet: Schärfe, Witz und Schnelligkeit. An vier Tagen hat man in Berlin nun alle drei Teile je zweimal gegeben - nicht in den engen, stimmungsvoll maroden Sophiensälen am Prenzlauer Berg, wo die Choreographin mit ihrer neuformierten Compagnie seit 1996 daheim ist und wo sie "Allee der Kosmonauten" und "Zweiland" herausgebracht hat, sondern beim großen Nachbarn, im 820-Plätze-Haus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Sechs Vorstellungen - und alle ausverkauft bis unters Dach viele waren vergeblich gekommen. Wie erklärt sich dieser enorme Publikumserfolg? Während in der Hauptstadt (und anderswo) manche respektable Tanztheatertruppe und selbst hochkarätige Gastspiel-Ensembles mühsam um Zuschauer kämpfen müssen, füllt Sasha Waltz spielend die Säle. Und da sie ihr hochmotiviertes Publikum nicht enttäuschen will, wird die Compagnie nun auch "Travelogue" "irgendwann einmal" wieder ansetzen. Statt der angekündigten Trilogie des Abschieds also eine Trilogie des Wiedersehens. Vielleicht an der Schaubühne, spätestens in zwei Jahren?

Vom Geheimtip zum Publikumsliebling, vom Szene-Hit zur deutschen Tanzhoffnung, zum Kulturexportschlager, zum gefeierten Theatertreffen-Star - und nun auch, gemeinsam mit Thomas Ostermeier, dem Chef der Berliner "Baracke", und dem Frankfurter Regie-Duo Kühnel/Schuster, vom Jahr 2000 an im Leitungsteam der Schaubühne am Lehniner Platz: Die künstlerische Biographie der 35jährigen Sasha Waltz liest sich wie eine märchenhafte Erfolgsgeschichte. In Karlsruhe erhielt sie ihren ersten Tanzunterricht bei einer Wigman-Schülerin, in Amsterdam und New York ihre Prägungen durch die amerikanische Postmoderne. Seit sie 1993 in Berlin die eigene Compagnie gründete, ging es rasch voran. Doch wen immer angesichts eines so rasanten Aufstiegs ein leichtes Schwindelgefühl beschleichen mag - Sasha Waltz teilt diese Bänglichkeiten nicht.

Eine strapaziöse "Travelogue"-Nacht liegt hinter ihr in allen drei Teilen der Trilogie steht sie als Tänzerin selbst auf der Bühne. Doch wie sie einem nun am Morgen danach beim Interview putzmunter gegenübersitzt, im Arm den achtmonatigen Sohn László, und wie sie alle hartnäckigen Fragen nach den Risiken eines so gravierenden Orts- und Milieuwechsels vom Prenzlauer Berg an den Ku'damm fröhlich und selbstbewußt kontert, da merkt man nichts von den Anstrengungen, die sie hinter sich hat, und nichts von denen, die auf sie zukommen werden. Da spürt man nur Energie, Neugier und Furchtlosigkeit. "Der Mythos Schaubühne - nein, damit habe ich keine Probleme. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Warum sollten wir es nicht ausprobieren?" Und wenn sie von der personellen, technischen und räumlichen Ausstattung ihrer künftigen Spielstätte schwärmt ("kein Bühnenportal, neutrales Ambiente - ideal fürs Tanztheater"), dann wird einem vollends klar: Sasha Waltz hat unbändige Lust auf die neue Herausforderung.

Und sie wird, wer kann es ihr verdenken, auch leichten Herzens Abschied nehmen von jenen "Segnungen" der freien Szene, wie sie von den neoliberalen Verächtern der subventionierten Kultur jetzt wieder so nachdrücklich als Chance zur Kreativität gepriesen werden. Sasha Waltz weiß, wovon sie redet.

Freie Szene: Das bedeute natürlich Flexibilität sich von niemandem vorschreiben zu lassen, wieviel und in welcher Zeit man zu produzieren habe.