Die kleine Werkstatt liegt versteckt an einer Seitenstraße in Tarakea am Osthang des Kilimandscharo. "Tesha Radio Repair", verkündet ein selbstgemaltes Schild. "Alles, was eine Batterie benötigt, bringe ich in Ordnung", sagt Inhaber Peter Tesha. Die Ladentheke ist gleichzeitig sein Arbeitstisch, im Regal dahinter türmen sich Rundfunkempfänger, Kassettenrecorder und Radiowecker: reparierte, defekte und offenkundig schrottreife .

Peter Tesha hat seinen Beruf vor zwanzig Jahren in Kenia gelernt. Als er 1975 an den Kilimandscharo zurückkehrte, waren die Zeiten für Handwerker wie ihn schlecht. Spezialwerkzeug gab es nicht, an ein Ladenlokal zur Miete war nicht zu denken. Die tansanische Regierung unter Präsident Julius Nyerere hatte 1967 ihren "afrikanischen Weg zum Sozialismus" eingeschlagen. Die Bevölkerung wurde angehalten, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen und in sogenannten Ujamaa-Dörfern in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die wenigen Industriebetriebe des Landes wurden verstaatlicht. Selbständige Handwerker oder Dienstleistungsberufe waren im afrikanischen Sozialismus des "Mwalimu" Nyerere, des großen Lehrers, nicht vorgesehen.

Erst 1983 konnte Peter Tesha seine kleine Radiowerkstatt in Tarakea eröffnen.

Die ersten Jahre waren hart. Zwar ist Tansania ein radiobegeistertes Land, wo in fast jedem Haushalt ein Empfänger steht. Aber alle Geräte stammen aus Europa oder Japan. Um Ersatzteile zu besorgen, mußte Tesha mühsame Reisen über die Grenze nach Nairobi oder nach Daressalam, dem Wirtschaftszentrum Tansanias, antreten. Doch dank der wirtschaftlichen Liberalisierung der vergangenen Jahre kann Peter Teshas die Geräte seiner Kunden nun schneller reparieren. "Heute kann ich Ersatzteile sogar hier in Tarakea bekommen", freut er sich.

Ein Existenzgründungsboom ist im Land ausgebrochen Nach dem Scheitern der Ujamaa-Ideen ist am Hang des Kilimandscharo ein regelrechter Existenzgründungsboom ausgebrochen. Junge Schneiderinnen kratzen ihre ersparten Tansania-Schillinge zusammen, kaufen eine gebrauchte Nähmaschine und decken sich auf den Märkten für Gebrauchttextilien mit den abgelegten Kleidungsstücken aus Europas Sammelcontainern ein. Weil eine Garderobe aus fabrikneuen Stoffen für die Landbevölkerung unerschwinglich ist, schlagen sich die Frauen mit der Änderung von Secondhandware durch.

Tischler präsentieren vor ihren Werkstätten Betten, Schränke und Särge aus heimischem Holz.

Im ganzen Land ist nach Jahren der Lähmung eine verhaltene Aufbruchstimmung zu spüren. Nach vierjähriger Abstinenz hat der Internationale Währungsfonds Tansania einen Kredit über 355 Millionen D-Mark eingeräumt. "Tansania hat wieder Tritt gefaßt", lobt das Bonner Entwicklungshilfeministerium. Als Folge eines Strukturanpassungsprogramms wurden die Wechselkurse freigegeben und Preiskontrollen abgeschafft. Ihren Kaffee, das wichtigste Erzeugnis am Kilimandscharo, müssen die Bauernfamilien nicht mehr zu Festpreisen beim staatlichen Coffee Board abliefern, sondern sie können bei privaten Aufkäufern die Preise vergleichen.