Daß Forschung häufig aus Versuch und Irrtum besteht, mußten jetzt wieder Physiker des Teilchenforschungszentrums Desy in Hamburg erfahren. Vor einem Jahr noch meinten sie, in ihren Daten das "Wetterleuchten einer neuen Physik" aufgespürt zu haben - und lösten damit ein weltweites Echo aus. Von einer "Erschütterung der Physik" war zu lesen, gar vom "Chaos", in welches die Desy-Messungen die Teilchenphysik schleudere. Emsig wurde die vermeintliche physikalische Revolution ausgemalt - daß diese jetzt nach neuen Messungen zu den Akten gelegt werden muß, war denselben Medien noch keine Zeile wert.

Dieses Schicksal erleiden Forschungsnachrichten leider allzuoft: Vermeintliche Sensationen werden auf allen Kanälen gefeiert fällige Dementis dagegen muß man mit der Lupe suchen.

Dabei kann man den Desy-Wissenschaftlern kaum einen Vorwurf machen. Als sie im vergangenen Jahr eine merkwürdige Häufung bestimmter Ereignisse feststellten, präsentierten sie diese auf einem zur Pressekonferenz umfunktionierten Seminar, vorsichtig das Wort "Entdeckung" vermeidend. Bei Millionen von Kollisionen zwischen Elementarteilchen im Beschleunigerring des Desy zeigte sich eine merkwürdige Überhäufigkeit der "tief inelastischen Streuung". Nur ein bis zwei derartige Ereignisse hatten die Forscher erwartet - gefunden hatten sie jedoch sieben. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent, so rechneten sie vor, stehe die Zahl dieser Ereignisse im Widerspruch zum Standardmodell der Physik.

Prompt verbreitete die Medienmaschine die spekulative Sensation in alle Welt.

Vielleicht sehe man hier die flüchtige Spur eines neuartigen Teilchens, eines "Leptoquarks", welches die Physiker auf die lang ersehnte Spur einer neuen, besseren Theorie bringen könnte. Doch eine Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent ist eben nur auf den ersten Blick überzeugend. Da überall auf der Welt Forscher ständig experimentieren, sind auch immer wieder statistische Ausrutscher zu erwarten - ganz wie beim Würfelspiel, bei dem man auch einmal mehrere Sechsen hintereinander wirft.

Das wissen natürlich auch die Physiker und haben am Desy eifrig weitergemessen. Auf einer Fachtagung im französischen Les Arcs stellten sie nun ganz ohne Presserummel ihre neuen Ergebnisse vor: keine Spur mehr von einem Überschuß der seltenen Streu-Ereignisse, die neuen Daten sind im Einklang mit dem Standardmodell.

Die physikalische Revolution findet also noch nicht statt. Doch die nächste Wissenschaftssensation läßt wohl nicht lange auf sich warten. Und die ist bestimmt wahr - jedenfalls zu 99 Prozent.