Auf hoher See und vor Gericht ist bekanntlich alles möglich. Sogar das Gegenteil. Ein 27jähriger ehemaliger Postbediensteter aus Langen, Kreis Offenbach, war angeklagt, gewaltsam in den Packraum der Langener Poststelle eingedrungen zu sein. Am Tatort fand die Polizei einen Pflasterstein, mit dem der Täter die Scheibe der Eingangstür zertrümmert hatte. Dabei verletzte er sich und hinterließ eine winzige Blutspur. Das reicht heutzutage allemal für einen genetischen Fingerabdruck.

Statistisch gesehen besitze allenfalls ein weiterer Mensch unter vierzig Millionen den gleichen genetischen Fingerabdruck wie der Angeklagte, trug der Gutachter dem Gericht vor. Noch zu unsicher, fand der Amtsrichter und ließ den jungen Mann laufen. Der Staatsanwalt ging in Berufung und bestellte ein neues Gutachten. Nur einer unter tausend Milliarden, lautete diesmal das Ergebnis. Woraus das Landgericht Darmstadt messerscharf schloß, daß er es doch gewesen sein müsse. Schließlich leben ja nur fünf Milliarden Menschen auf der Erde.

Mit den ganz kleinen und mit ganz großen Zahlen bekommt es jeder zu tun, der sich auf genetische Analysen einläßt. In den Anfangszeiten der Technik, also Mitte der achtziger Jahre, mußte es noch eine ordentliche Blutlache sein, oder wenigstens ein anständiger Spermafleck, damit die Gerichtsmediziner ein sauberes Profil erstellen konnten. Heute reichen 50 Pikogramm DNA dafür aus.

50 billionstel Gramm - soviel findet sich in acht menschlichen Zellen. Es gibt Fachleute, die behaupten, schon mit dem DNA-Gehalt einer einzigen Zelle etwas anfangen zu können. Aus längst verwesten Leichen isolieren sie Proben, aus uralten Knochenresten, Zigarettenkippen, vertrocknetem Kaugummi, selbst aus Fliegen, die irgendwann mal am Tatort waren. Urin, Fäkalien, purer Dreck - prinzipiell gibt es nichts mehr, was keinen Anhaltspunkt böte. Denn ein Hauch von Erbsubstanz findet sich sogar im Schwarzen unter dem Fingernagel.

Möglich wird das durch den Einsatz der Polymerase Chain Reaction (PCR). Eine phänomenale Methode, für die der Amerikaner Kary Mullis 1993 den Chemie-Nobelpreis erhielt. Sie macht es möglich, kleinste DNA-Mengen wie mit dem Photokopierer zu vervielfältigen. Theoretisch langt ein einziges Molekül.

Daraus strickt jeder Laborant mittels PCR beliebig große Mengen. Am entgegengesetzten Ende der Erkenntnisskala warten dann Ergebnisse, die jenseits des Vorstellbaren liegen: Ihre höchste Trefferquote beziffern die DNA-Experten des britischen Forensic Science Service sehr selbstbewußt mit eins zu zehn hoch fünfzehn.

Eine Technik, scheint es, die unschlagbar ist. Ein Netz, durch das kein Verbrecher mehr schlüpft. Bis auf Leute wie O. J. Simpson. Die Frau des Footballstars war, zusammen mit ihrem Liebhaber, förmlich in Blut schwimmend aufgefunden worden. Davon klebte reichlich in Simpsons weißem Bronco, an einem seiner Handschuhe und an einer Socke. Umgekehrt führte eine Blutspur zurück an den Tatort. Aber im anschließenden Mordprozeß konnte die Verteidigung das gesamte ausgeklügelte DNA-Konzept der Anklage zum Einsturz bringen.