In der vorigen Woche besuchte Wei Jingsheng, der bekannteste Streiter für Demokratie und Menschenrechte in China, die ZEIT. Von allen Freiheitskämpfern, Dissidenten und Märtyrern, die wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebten, ist wohl keiner so unerbittlich entschlossen, niemals nachzugeben keiner auch ist so gequält worden wie er. Achtzehn Jahre war er im Gefängnis - viele Jahre davon in Einzelhaft in gottverlassenen Gegenden.

Immer wieder Schläge, Folter, Hungerrationen - er hat alle Zähne wegen Unterernährung verloren -, Herzattacken. 1979 war er in einem Schauprozeß wegen des "Verrats militärischer Geheimnisse an Ausländer" zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt worden. Schließlich wurde er nach vierzehneinhalb Jahren vorzeitig entlassen, weil die Regierung hoffte, auf diese Weise ihre Bewerbung um die Olympischen Spiele im Jahre 2000 positiv beeinflussen zu können. Wei weigerte sich, das Gefängnis zu verlassen, ehe ihm seine beschlagnahmten Briefe ausgehändigt würden. Er bekam sie: "Die wußten, daß ich nicht nachgebe."

Ein halbes Jahr war er frei, schrieb Artikel und gab Interviews für ausländische Zeitungen: "Ich werde immer an meine Ideale glauben und weiter für Demokratie und Menschenrechte kämpfen." Immer wieder verlangt er von den Amerikanern, den Druck auf Peking zu verschärfen. Im Dezember 1995, als die internationalen Proteste sich häufen, wird er wegen des "Versuchs, die Regierung zu stürzen", erneut zu vierzehn Jahren verurteilt, aber zwei Jahre später, nach dem chinesisch-amerikanischen Gipfeltreffen, überraschend entlassen. Wahrscheinlich war dies der Preis dafür, daß Präsident Jiang Zemin von Washington zu einem offiziellen Staatsbesuch eingeladen wurde.

Wir fragten Wei, warum er kürzlich in seiner Rede vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf weiter äußersten Druck auf China gefordert habe, obgleich seine beiden vorzeitigen Entlassungen doch eher zu beweisen schienen, daß Peking bemüht ist, mit dem Westen auf gutem Fuß zu stehen. Druck sei sicher nötig, aber gleichzeitig müsse Bereitschaft zum Verhandeln deutlich werden, argumentierten wir. Wie Kennedy gesagt habe: "Rüsten und reden."

Wei sieht das anders: "Wir brauchen heute ausländische Hilfe nötiger denn je - wäre der Westen, vor allem Deutschland und Frankreich, härter aufgetreten, wären wir heute viel weiter, aber die denken ja nur ans Geschäft."

Unsere Antwort: Die Alternative, entweder Härte und Abschottung oder Verhandeln, ist falsch allein sinnvoll sei es, beides gleichzeitig zu praktizieren. Dies leuchtet ihm nicht ein auch nicht der Zusatz, nur auf diese Weise hätten wir Deutsche im Kampf mit dem Kommunismus die Wiedervereinigung geschafft.

Weis Einwand: Willy Brandt, der geglaubt habe, man könne mit Kommunisten vernünftig argumentieren, hatte Unrecht. Entscheidend war damals der Druck von außen, "denn Druck ist wichtiger als Dialog". "Ihr konntet nur Erfolg haben", so meint er, "weil Rußland sich verändert hatte." Richtig, aber Rußland hat sich erst verändert, als Gorbatschow die Welt mit neuen Augen ansah und Verhandlungen vorschlug.