Der alte Mann wirkt in den Kulissen von Deutschlands berühmtestem Fernsehcafé etwas verloren. Im "Fasan" auf dem Ufa-Studiogelände in Babelsberg drehen sie gerade eine neue Folge von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Sechs Millionen Zuschauer täglich wollen bedient sein. Hektische Unruhe, wohin man schaut, auch die Produktion von Seifenoperträumen ist harte Arbeit.

Theodor Wonja Michael kennt die Studioatmosphäre in Babelsberg. In den Kriegsjahren hat der heute 73jährige hier als Komparse gearbeitet. "Drüben in der Marlene-Dietrich-Halle war das", erzählt er. Doch damals hieß die Halle noch nicht so. Denn die Dietrich "war ja out bei den Nazis". Überhaupt war hier früher alles anders. Doch als ein "Achtung, Stellprobe!" aus dem Lautsprecher ertönt, huscht ein wissendes Lächeln über Theodor Michaels schwarzes Gesicht. Da ist es wieder, das "Babelsberg-Gefühl". Die fast sechzig Jahre, die vergangen sind, seitdem er zum letzten Mal hier war, scheinen wie weggewischt.

Plötzlich ist es fast wie gestern, als ein deutscher Beamter unter "Besondere Kennzeichen" in seinem Paß "Neger" notierte. "Neger" brauchten sie in den Studios. Als Statisten für Goebbels' Propagandastreifen genauso wie für bunte Kostümfilme. In "Münchhausen" mit Hans Albers in der Titelrolle hat Theodor Michael mitgespielt. "Wir waren die Mohren, die man da brauchte. Für uns war das eine Existenzfrage." Babelsberg hat ihm damals das Leben gerettet.

Szenenwechsel. Heldenstadt Leipzig. Der Chor des weltberühmten Gewandhausorchesters versammelt sich zur Probe. Händels Dettinger "Tedeum" steht auf dem Programm. In der ersten Reihe singt Aminata Schleicher. Ihre Stimmlage ist Alt. Die 33jährige Germanistikstudentin liebt diesen Chor. Leipzig ist ihre Heimatstadt. Sie wurde hier, in der DDR, geboren. Hier wohnt ihre Familie, hier sind ihre Freunde. Schon aus diesem Grund bleibt sie in Leipzig. Obwohl Freunde ihr geraten haben, den Osten zu verlassen, seitdem sie dort "Neger klatschen". Aminata ist, wie Theodor Wonja Michael, schwarz. Eine Afrodeutsche.

Schwarz sein und deutsch dazu? In Deutschland ist das alles andere als selbstverständlich. Niemand weiß genau, wie viele schwarze Deutsche in der Bundesrepublik leben. Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Denn in Deutschland ist es nicht erlaubt, Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe statistisch zu erfassen. So verwundert es nicht, in dem von der Ausländerbeauftragten des Bundes herausgegebenen Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland unter dem Stichwort "Schwarze Deutsche" zu lesen:

"Schwarze Deutsche werden auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre gewöhnlich als Ausländer und Ausländerinnen betrachtet. Ihr Aufenthalt in Deutschland wird als vorübergehend begriffen und ihre gesellschaftliche Verwurzelung häufig und ausschließlich mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht."

Im Westen sind schwarze Deutsche nichts Neues. Auch wenn man sie hier meist "Besatzungskinder" nannte, weil ihre Väter US-amerikanische Soldaten waren. Der Deutsche Bundestag befaßte sich 1952 mit den "3093 Negermischlingen", die bis dahin in der Bundesrepublik geboren wurden, und debattierte deren Verbringung in die Heimatländer der Väter, weil den Kindern "schon allein die klimatischen Bedingungen in unserem Lande nicht gemäß sind".