Theodor Michael ist älter als die Bundesrepublik, Aminata Schleicher wurde in der DDR geboren. Und doch verbindet sie eine gemeinsame Erfahrung: Beide haben die Babelsberger Studios als Komparsen kennengelernt. Theodor bei der alten Ufa, Aminata bei der Defa der DDR. Als Zwölfjährige spielte sie in dem Kinderfilm "Ein Schneemann für Afrika" mit. Ein kläglich internationalistischer Versuch, über den Stacheldraht hinwegzuschauen.

"Meine Familie ist seit mehr als hundert Jahren in Deutschland", sagt Theodor zu Aminata, als sie gemeinsam durch die Kulissen von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gehen. Theodor Michaels Großvater war es, der 1884 den Vertrag mit Gustav Nachtigal über den Anschluß Kameruns an das Deutsche Reich unterschrieben hat. "Seitdem sind wir Deutsche", sagt er, nicht ohne Stolz.

Als Theodors Vater am Ende des vergangenen Jahrhunderts aus Kamerun nach Berlin kam, war Deutschland auf dem Höhepunkt seiner imperialen Macht. Männer wie Gustav Nachtigal und Carl Peters hatten dem Kaiser Kolonien erobert. In Kamerun, Togo, Tansania und Namibia finden sich noch heute die Spuren der deutschen kolonialen Vergangenheit. Gräber zumeist. Gefallene Helden des Kaiserreichs.

Theodor Wonja Michael wurde 1925 in Berlin geboren, im Bezirk Prenzlauer Berg, Mühlhauser Straße 2. Er war das jüngste von vier Kindern. Die Familie war Teil einer kleinen Gruppe von deutschen Afrikanern aus den ehemaligen Kolonien, die mit weißen Frauen verheiratet waren.

Die Zeiten waren alles andere als gut. Depression, hohe Arbeitslosigkeit und die Nazis in Deutschland auf dem Vormarsch. Die Franzosen hatten schwarze Kolonialtruppen im Rheinland stationiert. "Rheinlandbastarde" wurden die Kinder schwarzer französischer Soldaten und weißer deutscher Frauen genannt, die zwischen 1919 und 1929 im Rheinland geboren wurden. Auch Theodor wurde als Kind häufig gefragt: "Kommst du aus dem Rheinland?" Wie viele dieser Kinder den Holocaust überlebten, ist nicht bekannt. Aktenkundig wurden 285 Zwangssterilisierungen von schwarzen Deutschen seit 1937. In diesem Jahr wurde Theodor zwölf Jahre alt.

"Die größte Angst, die wir hatten", sagt er im Gespräch mit Aminata, "war neben der Angst vor der physischen Vernichtung - die Angst vor der Sterilisation. Wir jungen Afrodeutschen hatten entsetzliche Angst davor."

Angst vor weißen Deutschen kennt auch Aminata. Ihr Vater kam nach Leipzig, als die Mauer gerade gebaut war. Im Herder-Institut an der Lumumba-Straße sollte der Kader aus der sozialistischen Republik Guinea Deutsch lernen. "Institut der Freundschaft" nannte sich die sozialistische Bildungsanstalt. Was die staatlich verordneten Freundschaftsbekundungen wert waren, bekam die Tochter schon zu spüren, als die Mauer noch stand, aber schon wackelte.