War es eine schwer bewaffnete Hausdurchsuchung oder eine höfliche polizeiliche Ausweiskontrolle, die Heinrich Böll 1972, auf dem Höhepunkt der RAF-Fahndung, in seinem Landhaus in Langenbroich widerfuhr? In der ZEIT (Nr.

16/1998) widersprach Helmut Conrads, der damalige Chef der Dürener Kriminalpolizei, der Darstellung Bölls. Nun erinnert sich auch der Münchner Philosophie-Ordinarius Robert Spaemann. Er und seine Frau waren damals Bölls verdächtigte Gäste gewesen.

Ob es zehn oder zwanzig Polizisten waren, die am Fronleichnamsnachmittag 1972 das Haus von Heinrich und Annemarie Böll in der Eifel mit Maschinenpistolen umstellt hatten, weiß ich auch nicht. Ich habe sie gesehen, aber nicht gezählt. Aber im übrigen kann ich die Aufzeichnungen Bölls und die Aussagen des Chefs der Dürener Kriminalpolizei doch ein bißchen präzisieren, ergänzen und korrigieren. Meine Frau und ich - wir waren ja die suspekten Gäste - saßen am Kaffeetisch. Wir waren aus Stuttgart gekommen, um mit Bölls über den geplanten Familienurlaub in ihrem irischen Haus zu sprechen. Leider stimmt es nicht, daß ich Herrn Conrads, dem Polizeichef, meinen Ausweis zeigte und ihn damit zufriedenstellte. Ich hatte den Ausweis nämlich nicht bei mir und meine Frau den ihren auch nicht. Die Polizei behalf sich für die Feststellung unserer Identität so: Sie schickte per Funk ihre Stuttgarter Kollegen zu unseren Kindern und ließ fragen, wo ihre Eltern seien. Die Antwort "Bei Bölls" war dann das offizielle Ende der Aktion.

Ich fand die Sache eher lustig und zog sie aus Übermut noch für eine Minute in die Länge, indem ich zu Herrn Conrads sagte, meine Korrespondenz mit Ulrike Meinhof liege schon eine Weile zurück. Für einen Moment wurde er natürlich neugierig, bis er erfuhr, daß es sich um Mahnbriefe handelte, die ich früher als Assistent wegen entliehener Bücher aus der Institutsbibliothek an Ulrike Meinhof geschrieben hatte. Die weitere Unterhaltung fand am Kaffeetisch statt: Heinrich Böll lud nämlich Herrn Conrads zu einer Tasse Kaffee mit Kuchen ein. Auf Bölls Frage, wieso man im Zusammenhang mit der Terroristenfahndung gerade auf ihn und seine Gäste verfallen sei, verwies der Polizeichef auf Bölls Spiegel-Artikel "Freies Geleit für Ulrike Meinhof". Es ergab sich ein Gespräch über diesen Artikel, das mit Bölls Angebot endete, über seine Sicht der Dinge, wenn man ihn einlüde, einmal vor der Dürener Polizei zu sprechen. Herr Conrads erwiderte höflich ausweichend. Er fragte dann Böll: "Ulrike Meinhof kennt Ihren Artikel. Sie können ebensowenig wie wir ausschließen, daß sie auf der Flucht an Ihre Tür klopft. Was würden Sie denn in diesem Fall tun?" Böll antwortete, er würde sie zunächst fragen, ob sie eine Waffe bei sich hätte. Wenn ja, dann würde er verlangen, daß diese Waffe draußen bliebe. Und dann würde er sicher sagen: "Kommen Sie mal rein."

Danach würde man weitersehen. Ob das für einen Christenmenschen falsch wäre?

Nein, falsch konnte Herr Conrads das auch nicht finden, aber doch eine Bestätigung für die Polizeiaktion. "Es hätte ja immerhin sein können, daß wir sie bei Ihnen gefunden hätten."

Man verabschiedete sich höflich. Aber für den Rest des Nachmittags, zeitweise auf einem Spaziergang, war es mit der Heiterkeit vorbei. Heinrich Böll war bedrückt, und sein Ärger wuchs eher, als daß er abnahm. Von Köln aus schickten wir, die wir schließlich der Anlaß zu diesem Ärger gewesen waren, ihm einen Strauß Bauernlilien, die man selten im Blumengeschäft findet, die ich besonders liebe und die einen Kontrast zu dem Mißvergnügen darstellen sollten. Leider las ich zufällig einige Tage später irgendwo bei Böll, daß er Lilien wegen bestimmter Assoziationen mit Statuen des heiligen Joseph nicht leiden konnte. Also auch das noch.