Macht kaputt, was euch kaputt macht" steht groß und kahl auf den Kreuzberger Wänden. Was ist das, das da kaputtmacht? Eine schwierige Frage, auf die es aber eine praktische Antwort gibt: Was uns kaputtmacht, ist das, was wir kaputtmachen. Eine operationale Definition. "Wer - wen?" fragte Lenin.

"Also wird es auch am Ende der Welt gehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in die Feueröfen werfen: Da wird Heulen und Zähneklappern sein" (Matthäus 13; 49, 50). Und wer sind die Engel, die sich ergötzen in klammheimlicher Freude am Heulen und Zähneklappern der Bösen, und wer sind die Guten? Genau weiß das keiner, und darum geht es seit jeher: verbrennen oder verbrannt werden.

Diese Dialektik ist bis heute, ist bis zum selbstverklärten Ende der RAF und zum kommenden Kreuzberger Mai unser abendländisches Erbe - jene große geheimnisvolle Hoffnung, die aller Wut ihr Recht verleiht. Sagt nicht auch der Bibeltext, dialektisch gelesen, daß Engel ist, wer die Bösen in die Feueröfen wirft? Ist das "Das Prinzip Hoffnung", das uns bis auf die Höhe unseres Jahrhunderts vorangetrieben hat? Ist das unser aller und auch "Mein Kampf"? Der eschatologische Sog, die historische Hoffnung, sie zielen auf etwas, das nicht offenbar ist; manifest war immer nur das panische "Macht kaputt!". Der Satz, der Befehl verkündet nichts Neues, er schreit nur danach. Er ist hilflos und sehnsüchtig zugleich.

Was ist das also, das strahlend Neue, und wie kann man es von dem verfluchten Alten entkoppeln, befreien, entbinden? Vieldeutigkeiten, Deutungen und kaum je ein Reim.

Einerseits, andererseits: So spannend wie dieses Jahrhundert war noch keines und so grausig - jedenfalls nach der Wahrnehmung ebendieses Jahrhunderts. Mag sein, daß es früher - sagen wir: bei Dschingis-Khan oder hautnäher bei Gilles de Rais - wilder zuging und wirrer. Aber unser Anspruch ist doch anders, wir nehmen daher anders wahr; unser aller Christentum und sein eiskalter Bastard, die Aufklärung, haben schließlich einen an der Person orientierten Begriff von Gesellschaft und Politik universalisiert - auch wenn er als Produkt einer spezifischen Geschichte Ausdruck und Instrument spezifischer Interessen bleibt. Verschiedene ärgerliche Autoren, zuletzt Samuel Huntington, haben immer wieder darauf hingewiesen; aber auch darauf, daß die Aufklärung damit einem vertrackten Widerspruch aufgesessen sei, dem Widerspruch von Erkenntnis und Interesse. Denn beides betreibt die Aufklärung und voller Unschuld: sowohl die Entlarvung von Sinn - Ideologiekritik genannt - als auch dessen Entfaltung.

Sie verehrt, was sie verachtet. Aus der Apotheose und Kritik der Bourgeoisie, vorgetragen im "Manifest der kommunistischen Partei" von Marx und Engels, 1848: "Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen."

Die Aufklärung ist ein Projekt hochgespannter Utopien. Die erste heißt: "Alles neu macht der Mensch", die zweite: "Rache muß sein". Besser, man zieht eine schußsichere Weste an.