Bis zum Gipfel in Maastricht Ende 1991 schärft er seinen Mitarbeitern immer wieder ein: "Lassen Sie in Ihrem Druck nicht nach. Wir müssen das Unumkehrbare schaffen." Das Instrument dafür lieferte ihm Italiens Regierungschef Giulio Andreotti am Vorabend des Gipfels. Er schlägt ein Enddatum vor für den automatischen Übergang zur Währungsunion - den 1. Januar 1999. Genau danach hatte Mitterrand gesucht. "Das Enddatum des 1. Januar muß heruntersausen wie ein Fallbeil." Kohl akzeptiert sofort: "Unsere Haltung war es, daß man mit dem Beginn der Währungsunion nicht bis zum nächsten Jahrhundert warten sollte", erinnert sich Finanzminister Theo Waigel.

Doch fast wäre die Währungsunion 1992/93 an der Krise auf den Devisenmärkten gescheitert. Nachdem die Dänen in einem Referendum den Maastricht-Vertrag ablehnten, war die Glaubwürdigkeit des Prozesses über Nacht zerstört. In Frankreich stimmte nur eine hauchdünne Mehrheit von 51 Prozent für den Vertrag. Der Franc geriet unter starken Druck, Lira und britisches Pfund waren schon vorher aus dem EWS katapultiert worden. Die Franzosen empfinden die Franc-Schwäche als Demütigung. Am Tag nach dem Referendum empfängt Mitterrand den Kanzler mit den Worten: "Ich warne Sie, Helmut, ich werde nicht abwerten."

Bereits am 21. März 1983, als der Franc das letzte Mal abgewertet worden war, hatten Stoltenberg und Tietmeyer bei einem nächtlichen Treffen mit Mitterrand und seinem damaligen Finanzminister Delors in Paris zugesagt, die französische Währung würde künftig von der Bundesbank gestützt. Mitterrand hatte dies als Absicherung für seinen radikalen Politikwechsel in Richtung Inflationsbekämpfung gefordert. Tatsächlich warf die Bundesbank Jahre später mehrere Milliarden Mark auf den Markt, um den Franc zu stützen - vergeblich: Anfang August 1993 wird eine Abwertung des Franc nur durch das Aufgeben des EWS-Korsetts für die Wechselkurse vermieden. In diesem Moment wettet kaum noch jemand darauf, daß die Währungsunion jemals Wirklichkeit wird.

Die Bundesbankkritik an der "hinkenden Konstruktion" der Währungsunion ohne politische Union hält an. Vor allem die Abstimmung der Finanzpolitik fehle, so Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Das Finanzministerium entwirft im Frühjahr 1996 den Stabilitätspakt, mit schärferen Auflagen für die Einhaltung der Defizitregeln des Maastricht-Vertrages.

Genscher warnt vor einer Politik des "Draufsattelns", doch Waigel läßt sich nicht beirren. In Frankreich gilt die Währungsunion mittlerweile als Ausdruck deutschen Machtstrebens. Die "arroganten" Deutschen wollten damit nachholen, "was sie in drei bewaffneten Konflikten mit Frankreich nicht geschafft haben", schreibt das Finanzmagazin La Vie Française. Immerhin wird die EZB in Frankfurt angesiedelt, und die neue Währung wird auf deutschen Wunsch nicht Ecu, sondern Euro heißen.

Auf dem Dubliner EU-Gipfel im Dezember letzten Jahres führt der Stabilitätspakt zwischen Chirac und Kohl zu einem "ernsthaften Krach", wie sich der damalige britische Schatzkanzler Kenneth Clarke erinnert. Brüllend und mit roten Köpfen stehen die beiden in einer Ecke des Konferenzsaales.

Schließlich gelingt es dem Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker zu vermitteln. Der Stabilitätspakt wird akzeptiert. Doch in Frankreich bleibt das Gefühl, von den Deutschen wieder an die Wand gedrückt worden zu sein.