Nun kommt er doch noch zu Ehren - der badische Revolutionär Friedrich Hecker, von dem es in einem ihm gewidmeten Liede heißt, er hänge "an keinem Baume" und "an keinem Strick", "sondern an dem Traume von der freien Republik". Hundertfünfzig Jahre nach dem legendären Freischarenzug durch den Schwarzwald schlägt die Hecker-Begeisterung im deutschen Südwesten wahre Kapriolen. Regierende, die der wortgewaltige Advokat aus Mannheim einst das Fürchten lehrte, schmücken sich mit dem Hecker-Hut. Der "Rote Hecker", ein vollmundiger Spätburgunder, erfreut sich lebhaften Zuspruchs. Und der Schriftsteller Martin Walser, schon lange revolutionärer Neigungen unverdächtig, preist den "edlen Hecker" mit geradezu religiöser Inbrunst.

Vom Hecker-Kult, schreibt Sabine Freitag in der Einleitung zu ihrer umfangreichen (als Doktorarbeit entstandenen) Biographie, müsse der "wirkliche" Hecker fein säuberlich getrennt werden, und das tut sie ebenso gründlich wie umsichtig. Die Autorin hatte vollen Zugang zum Nachlaß Heckers, der in der University of Missouri, St. Louis, verwahrt wird

dieses Privileg nutzte sie, um erstmals auch die Jahre Heckers im amerikanischen Exil nach 1848 in erschöpfender Weise darzustellen. Der zweite Teil ("Hecker in den Vereinigten Staaten") ist fast dreimal so lang wie der erste ("Hecker in Deutschland"). So ist diese Biographie eines Achtundvierzigers zugleich ein gewichtiger Beitrag zur Geschichte der deutschen politischen Emigration in die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Sabine Freitag verweist manche liebevoll gepflegte Überlieferung des Hecker-Bildes ins Reich der Fabeln - etwa die vom wild entschlossenen revolutionären "Tatmenschen", der sich von allem Anfang an der Sache des Volkes verschrieben habe. Als Abgeordneter der zweiten badischen Kammer, wo der junge Jurist sich seit 1842 die politischen Sporen verdiente und dank seiner Beredsamkeit rasch auf sich aufmerksam machte, stand Hecker zunächst noch ganz unter dem Einfluß des gemäßigten vormärzlichen Liberalismus eines Carl von Rotteck und Adam vom Itzstein. Zum entschiedenen Republikaner wandelte er sich erst, als alle Reformanstrengungen der liberalen Opposition an der Blockadepolitik der badischen Regierung scheiterten.

Dabei war sein Verhältnis zu seinem Mitstreiter Gustav Struve, mit dem gemeinsam er im September 1847 in Offenburg die berühmten dreizehn "Forderungen des Volkes" vertrat, keineswegs so eng und spannungsfrei, wie das in der Literatur häufig dargestellt wurde. Struve war der intellektuellere von beiden, mehr Theoretiker, und deshalb konnte er auch nie so populär werden wie Hecker, der, wie die Frankfurter Zeitung in einem Nachruf schrieb, "immer etwas Naturwüchsiges, Derbes, Volksmäßiges an sich" hatte. Auch der Entschluß Heckers, im April 1848 "in Baden loszuschlagen", entsprang, wie die Autorin nachweist, keinem lang gehegten Plan, sondern war eher eine Kurzschlußreaktion. Nachdem das Frankfurter Vorparlament den Antrag abgelehnt hatte, bis zum Zusammentreten der Nationalversammlung "in Permanenz" zu tagen, sah Hecker die Revolution in Gefahr.

Mit seinem Marsch von Konstanz nach Karlsruhe wollte er ein Fanal setzen. An eine militärische Auseinandersetzung dachte er nicht

vielmehr rechnete er mit dem Überlaufen der Soldaten. Daß es dann anders kam, daß gleich beim ersten Scharmützel bei Kandern der Kommandeur der gegnerischen Truppen, General Friedrich von Gagern (ein Bruder des späteren Paulskirchen-Präsidenten Heinrich von Gagern), fiel, hat niemand mehr bedauert als Hecker selbst. Aber ein Zurück gab es nun nicht mehr. "Erst jetzt", folgert Sabine Freitag, "hatte man ein personifiziertes Schreckbild, erst jetzt hatte sich der für die Liberalen noch vage Feind in einen wirklichen Anführer der revolutionierten unteren Schichten verwandelt."