Philosophen stechen gern in See. Sie lieben die Metapher vom Fluß ohne Ufer und die Geschichte vom Kapitän ohne Lotsen. Die Menschheit, heißt es, lebt auf einem Schiff. Kein Land ist in Sicht und keine Orientierung gegeben. Die Realität, der wir begegnen, ist selbstgeschaffen. Im Meer der Zeit hören wir den Wellenschlag der Geschichte, aber vielleicht ist auch das nur eine Einbildung. So geht es dahin in der Nacht des Nichtwissens. Plötzlich entdeckt ein einsamer Rufer einen Eisberg. Ist er wirklich wirklich oder auch nur das Konstrukt einer Einbildung?

Konstruktivismus heißt eine Denkschule, die sich mit der Wahrheit plagt, daß es keine Wahrheit gibt. Unseren Worten, sagt sie, entsprechen keine Tatsachen, unseren Gedanken keine Wirklichkeiten. Dennoch will der Konstruktivismus nicht leugnen, daß es Realitäten gibt, und deshalb ruft er alle Jahre die Großfamilie zusammen, um die "Weisen der Welterzeugung" zu prüfen und Eisberge zu zählen. Gerade haben sich die Konstruktivisten mit viel Kuchen in Heidelberg getroffen; zu ihnen gehören Hirnforscher, systemische Therapeuten und einige Philosophen. Groß war die Hoffnung, all diese Disziplinen könnten mit einer Stimme sprechen, um den Stein der Weisen, die Einheit der Wissenschaften und die Konstruktion aller Konstruktionen zu entdecken. Und noch einmal richteten sich alle Augen auf die Hirnforschung, dieses Wunderkind der Wissenschaft. Wolf Singer brillierte, aber er tat es mit der Bescheidenheit eines Forschers, der auf seine Weise eine Welt erzeugt, die keinen in die Demut und niemanden zum Glauben zwingt. Denn vor den Fragen der Menschen schweigen die Synapsen. Metabiologie ist keine Metaphysik.

In dieser Lage konstruiert der Konstruktivismus gern einen Feind. Sein Lieblingsgegner ist die Ontologie, die behauptet, unsere Sinnordnung sei ein Spiegel der Weltordnung. Doch leider sind seit Immanuel Kant die Ontologen relativ ausgestorben, und eingeladen war absolut keiner. Doch ohne Gegner zerfällt der Konstruktivismus in die Summe seiner Konstruktionen. Wie seit langem nicht mehr saßen sich Hirnforscher und Hermeneutiker, Therapeuten und Theologen beim zufälligen Aufeinandertreffen ihrer Monologe sprachlos gegenüber: Hayden White und Gerhard Roth, Steve de Shazer und Günter Abel, Ernst von Glasersfeld und Catherine Elgine. Jeder lebte in seiner Welt und grüßte weise seinen Nachbarn. Meine Wahrheit, deine Wahrheit. Danach war der Traum von der Meta-Konstruktion, einer Einheit von Natur- und Geisteswissenschaft, ausgeträumt. Der Kongreß erwachte in die Realität. Diese war kein Konstrukt. Sondern ein Eisberg. Mitten in Heidelberg.