Wenn am Abend das Sandmännchen kommt, kommen Verona Feldbusch, Guildo Horn und samstags die Doofen. Es kommen Harald Schmidt und Helge Schneider. Sie kommen und gehen und kommen wieder. Sie bringen ein Opfer und zelebrieren Banalität als Selbstgenuß. "Fitze, Fitze, Fatze." Der Kult des Trivialen eskaliert. Nach sechzehn Jahren feiert die Fernsehkultur Helmut Kohls geistig-moralische Wende als Farce. Denn es kommt nichts mehr. Es wird nichts mehr. Das war es schon.

Während Kulturgärtner den geistigen Standortvorteil der deutschen Nation gefährdet sehen, spazieren die Tageshelden der Popmoderne entzückt durch die blühenden Landschaften der Banalität und erfreuen sich an den bedeutungsfreien Ritualen ihrer Bewohner. Erst der Nonsens, frohlocken sie, befreit die Menschen vom Terror der Utopie und von den schweren Botschaften der Welterlöser, linken wie rechten. Der Kult des Schwachsinns entlarvt die Banalität des Guten, und er hänselt das schlechte Gewissen der politisch Korrekten. Ein Traum wird wahr. Pop ist Weltsinn, Weltsprache, Weltchoreographie. Befreit von sich selbst, tanzt die Politik nach ihrer Pfeife. Sie atmet den künstlichen Geist von Hollywood. Zerstreuung statt Militanz. Denn es kommt nichts mehr. Es wird nichts mehr. Das war es schon.

Alle Politik ist Pop, sagen auch der Popcornverkäufer im Kino und der Kolumnist im Schreibbüro. Weil es so klug klingt, sagt es auch Guido Westerwelle. "Das Phänomen Guildo Horn ist das Phänomen Gerhard Schröder." Natürlich ist das ein intellektuell besserverdienender Gedanke, aber auch ein Freidemokrat darf den Schwachsinn nicht für dumm verkaufen. Es stimmt schon, Politik und Pop sind zwei Seiten einer Medaille. Aber welche Seite liegt oben? Ist der Kult der Banalität ein Symptom der Politik - oder umgekehrt?

"Sicher in die Welt von morgen", dichten die Politiker zu blauer Stunde. Leider wird der Politiker immer seltener gewählt. Dagegen machen die Daseinsdilettanten der Popkultur Quote, weil sie nichts mehr verheißen, anpreisen oder verbilligt in Aussicht stellen. Die Wonnen des Trivialen unterbieten die Politik des leeren Versprechens. Guildo Horn, der traumlose Träumer mit der Nußecke in der Seele, verspricht, nichts mehr zu versprechen, nur sich selbst. Gott ist tot. Nur einer ist noch da. Einer liebt euch. Ich bin mitten unter euch. Ich, Vatermutter Guildo. Alles wird gut. "Piep. Piep."

"Peep" heißt die weltberühmte Show von Verona Feldbusch, dem Püppchen in der Barbieworld. Wenn sie mit dem Unsinn kuschelt, macht sie nur Versprechen, die zu halten niemand verlangt: die Sicherheit im Nahbereich, die Enthüllung letzter Rätsel. Ein Lüstchen für den Tag und eines für die Nacht. Hier, beim wunschlosen Standhalten im Feld des Trivialen, entsteht der süße Schein ihrer ewigen Unschuld, und piepsend versiegelt sie die wortlose Tiefe ihrer Oberfläche. Dieses unbeschreibliche Piepsen hat jene FAZ, die eine stubenreine Kunst gegen die misera plebs der Popkultur verteidigt, zu der schönen Beobachtung verführt, Verona Feldbusch sei die Überleitung in Gestalt, gewissermaßen das "und" zwischen den Leerstellen des totalen Alltags. "Ja, das ist eine schöne Überleitung", sagt sie sehr nett, wenn ein vollständiger Satz keinen Partner findet und lasziv im Raum verstirbt. So dehnt sie die tote Zeit in den telematischen Raum der Rede; das Begehren kreuzt die Leere, die Leere das Begehren. Kinder, wartet nicht. Denn es kommt nichts mehr. Es wird nichts mehr. "Ja, das ist eine schöne Überleitung." Alles wird gut.

Auch Kohls Politik leidet am Feldbusch-Syndrom

Nichts wird gut. Harald Schmidt ist der Hohepriester reflektierter Banalität und der Lieblingsfreundfeind der deutschen Intellektuellen bei mäßiger Einschaltquote. Fraglos verdankt er seine Karriere der Ära Kohl und der Irrealität ihrer Dauer. Schmidts Zynismus verwandelt das Elend des Stillstands zum masochistischen Genuß, und dann fühlt sich sogar die SPD für den Kanzler verantwortlich. Niemand stapft intelligenter durch das Püree der Verhältnisse; niemand zertrümmert lustvoller die Sinnmaschine des Politikers. Steuerreform, Rentenreform, Aufbruch zweitausend. Mit subversivem Konformismus ramponiert Harald Schmidt das Blendwerk, das seine eigene Medienwelt vor der statistischen Realität errichtet hat. Siehe, dahinter ist nichts. Nur Arbeitslose. Oder das goldene Klo des Dieter Bohlen. Obwohl er hundert Pirouetten gedreht hat, wiederholt Schmidt wie Feldbusch, Horn und alle anderen nur das Rezitativ der Banalität. Es kommt nichts mehr. Es wird nichts mehr. Das war es schon.

In einer furiosen, also ungerechten Polemik hat der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, wenngleich aus anderer Warte, die Phänomenologie des Banalen um eine Gestalt erweitert (Merkur Nr. 3/98). Banalität, möchte er sagen, ist eine Entzugserscheinung im Zentrum einer Macht, die den Geist unterwegs verloren hat und nun sinnlos ihre Runden dreht. Nach diesem Totalverlust zieht sie sich zur grandiosen Tautologie zusammen. Die Politik leidet am Feldbusch-Syndrom und wird zur Überleitung ihrer selbst. Sie ist das "und" zwischen der Leerstelle. Ihr Name: Helmut Kohl.

Nun muß man wissen, daß Bohrer keinen Umweg ausläßt, um auf gallischem Roß das Standbild des Kanzlers niederzureiten, und sei es aus Wellpappe. Schon vom Sattel aus erkennt der ästhetische Bohrer in der Oggersheimer Korpulenz das deutsche Drama, eine Breitseite der Belanglosigkeit, eine Mixtur aus Stagnation und Stupidität. "Kohls Körper ist der Körper der Bundesrepublik ... Unbeweglichkeit (ist) der vorherrschende Ausdruck, wenn man nicht die Riesensilhouette der Mutter erkennt, die in der Küche unentwegt für die Kinder vom großen Laibe Brotstücke abschneidet, immer dasselbe Brot, Tag für Tag, seit Jahren."

Aufschlußreich ist die Zielvorgabe, die der Ritter vom Geiste in Anschlag bringt. Denn Bohrers eigentlicher Vorwurf lautet, der Körper der Macht sei bloß Körper und kein Geist, schlimmer noch: geistloser Geist und "Geist der Geistlosigkeit". Kohl scheint der lebende Beweis für ein Werk, das das Bürgertum an sich selbst vollstreckt hat - die Neutralisierung des Geistes und seine Überführung in den Stumpfsinn bloßer Physis. "Die normative Kraft des Faktischen wird von ihm nicht gedacht, sondern dargestellt." Geistverlassen sitzt der Kanzler in der Fülle seiner Leere. Die "Reduktion gedanklicher Bewegung" auf die "Pragmatik des psychisch Ewiggleichen (hat) etwas Grauenhaftes". Einfacher gesagt: Auf Kohls Amtssprache tänzelt jener Nonsens, der in der Banalität der Popkultur sein Widerspiel findet. Alle fürchten seinen zweiten Satz. Aber es kommt nichts mehr ...

Banalität, so lautet Bohrers Diagnose, ist der neue "Metageist" in der Republik der Deutschen. Unüberhörbar, wie ein letztes Mal, hallt darin ein tragischer Refrain, vielleicht Max Webers Klage, aus dem geschlossenen Gehäuse der Gegenwart entweiche jener unendliche Geist, der sie einmal begründet, beflügelt und gerechtfertigt hat: "Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr." Nach seinem beispiellosen Triumph opfert das Bürgertum den Geist seiner Kultur und betäubt die Qual der Reflexion, um sich erleichtert der Banalität des Kapitals zu überlassen, dem Kult von Fortschritt und Technik, Wachstum und Konsum.

Akute Beispiele muß man nicht suchen, denn in der Herrschaft der Betriebswirte stehen sie allen vor Augen. Die flotten Rechner halten Einzug in die Tempel der Bildungsbürger, und noch bevor sich der Vorhang öffnet, sagt McKinsey, was der Animierbetrieb so kostet. Dazwischen Sport, ganz viel Sport. Aus den Institutionen schwindet der Geist, und an ihrer Banalität soll man sie erkennen. Fröhlich begräbt das neue Biedermeier die Standards, während das alte am Grab von Ernst Jünger den eigenen Zerfall betrauert. "Kultur" wird zum Servicecenter, das eine gelangweilte Klasse nach dem Erlebnisshopping mit sich selbst versöhnt. Nicht immer, aber immer öfter vereinigen sich Kapitalakkumulation und Eventkultur zum doppelten Körper der politischen Macht. Oder, wie Bohrer hoch zu Roß rufen würde: Auch die Kultur hat ihren Geist verloren.

Der Befund vom geistlosen Geist klingt schön morbide, und auch Präsident Herzog würde ihm den letzten Segen geben. Doch die Fetischisierung des Geistes, die in all dem Jammer zum Ausdruck kommt, gehört selbst noch dem Denken an, dessen Sieg es wortreich beklagt. Zum Glück kann man die Banalitätsdiagnose mit einem Fragment aus dem Jahre 1921 vom Kopf auf die Füße stellen: mit Walter Benjamins Skizze "Kapitalismus als Religion", der in jüngster Zeit eine erstaunliche Aktualität zugewachsen ist (vgl. Uwe Steiner in der Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Heft 1/98). Auch Benjamin ist dem Gefühl von Stillstand und Ausweglosigkeit, von infantiler Amnesie und trostloser Selbstbezogenheit auf der Spur. Und doch spricht er nicht einfach vom Verschwinden des Geistes. Er meint vielmehr, der Kapitalismus habe auf heidnische Weise das Erbe der Religion angetreten und diene "essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhe, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben". War für Max Weber der Kapitalismus "ein religiös bedingtes Gebilde", ist er für Benjamin selbst "eine religiöse Erscheinung", ohne Gnade, ohne Ruhe, ohne Vergebung. Sobald er die bildungsbürgerliche Hülle abwirft, tritt der Kapitalismus nackt hervor und verwandelt sich selbst in eine Kultreligion, "vielleicht die extremste, die es je gegeben hat".

Wenn der Kapitalismus zum Kult wird, überzieht er die Welt mit dem Schleier der Banalität. Dieser Kult, sagt Benjamin, duldet nichts neben sich; er ist traumlos, absorbiert alle utopischen, selbst alle messianischen Energien und verbreitet das Gefühl lichtloser Immanenz. Jeder Tag ist Festtag, und alles Leben hat sein Maß im Geld. Unentrinnbar scheinen die Verhältnisse, und so zählt Benjamin das Gefühl der "Ausweglosigkeit" zur "Geisteskrankheit" einer Epoche, die an ihrer Alternativlosigkeit, an ihrer Endgültigkeit zu verzweifeln scheint. "Gottes Transzendenz ist gefallen."

Gewiß ist Benjamins Fragment kein Feuilleton für den Tagesstreit, aber man kann mit seiner Hilfe dem Kult der Banalität auf die Schliche kommen. Erhellend ist schon seine Beobachtung, daß sich die Gegenwart zu einer traumlosen Geschlossenheit zusammenzieht, die kultische Formen annimmt: Kult des Wettbewerbs, Kult der Ökonomie, Kult des Geldes. Nachdem alle utopischen, aber auch historischen Quellen versiegt scheinen, werden Vergangenheit und Zukunft obsolet, buchstäblich bedeutungslos. Das, was man einmal Geist nannte, das ruhelose Entwerfen von Alternativen, das Denken im Licht von Erfahrung und Erwartung, kommt in einer exaltierten Banalität zum Stillstand. Als sei ihr ein Stein vom Herzen gefallen, entsorgt die Gesellschaft ihr kulturelles Wissen und verzichtet auf Erinnerung und Entwurf. Es kommt nichts mehr. Das war es schon.

Allerdings, die Archive der Vergangenheit werden nicht einfach verschlossen, sondern offen geplündert. Die Ausbeutung der theologischen Rhetorik macht große Fortschritte, und die Werbung sitzt mit Judas beim letzten Abendmahl (vgl. Jochen Hörisch in der ZEIT Nr. 1/97). Die öffentliche Rede wird theologisch und der Geist der Theologen atheistisch. "Wenn ich eine Religion habe, dann die, daß ein Unternehmen wachsen muß", sagt Erich Sixt, der König der Leihwagen, und alle sagen, es sei gut. Seine Mitbewerber feiern die Spiritualität des Konsums und den Dax als Schicksal im geistigen Raum der Nation. Unterm Kreuzzeichen der T-Aktie ist Wachstum der kommende Gott und Geld sein Äquivalent. Unnachsichtig fordert er Gläubiger und hinterläßt Schuldner; er lockt und verspricht, fordert Opfer und winkt mit dem Sinn. Als Kult.

Die Popkultur spielt ihr Spiel mit den deutschen Verhältnissen

Wenn der Kapitalismus die Religion beerbt, spielen Wirtschaft und Politik Brüderchen und Schwesterchen. Die SPD klaut ihre Wahlparolen bei Siemens und entdeckt die Mitte der Mitte. Die Monotonie der Mitte ist nichts anderes als die liturgische Formel für politische Immanenz. Wir wissen auch nicht weiter, aber zu uns gibt es keine Alternative. Noch einmal ist Banalität die Innenseite scheinbar aussichtsloser Verhältnisse. "Liberal ist sozial ist der Weg in eine Zukunft als Aufbruch in die sichere Welt von morgen in Europa schon heute." SuperShell plus und Rechtsextremismus am Rand. Danke, Guildo.

Während der Kult der Mitte tobt, laboriert die demokratische Gesellschaft am Un-Sinn ihrer Verhältnisse. Sie entläßt die Entbehrlichen, Ausgeschlossenen, Deklassierten aus ihrer - Mitte. Am Sterbebett der Arbeitsgesellschaft erinnert nichts mehr an den todschicken Bilderbogen, den der postmoderne Zeitgeist in den achtziger Jahren ausgemalt hatte. Unter der Belagerung der globalen Ökonomie ist der nationale Traum, Marktwirtschaft und Demokratie versöhnen zu können, zerplatzt, denn noch nie war der Sozialstaat selbst die Quelle von Wohlstand. Abgehetzt und abgespalten, arbeitswütig und arbeitslos, eingeschworen auf die Theologie des Wachstums, steht die Republik schweigend vor dem Skandal. Es ist der eigene. Nur in Berlin, vor den neu errichteten Kulissen des Nationalstaates, schaudernd vor der Banalität des Sozialen, erinnern sich Politiker an die alten Hoheitsrechte ihres Handelns, und schon machen sich konservative Intellektuelle auf den Weg, um den geistigen Konsens für die künftige Ungleichheit zu organisieren. Was für ein Nonsens.

Wo Verhältnisse zweideutig, rätselhaft und bedrohlich sind, von äußerster Vernunft und äußerster Unvernunft, ist nichts geheimnisvoller als das Spiegelspiel des Banalen. "Abfall für alle" steht auf der Homepage von Rainald Goetz. "Fitze, Fitze, Fatze", sagt Helge Schneider. "Ich mag Steffi Graf", singt Guildo Horn, der die akademische Welt mit einer Diplomarbeit über "Die Befreiung von der Vernunft" beglückt hat. Sanft faltet der Schlagersänger die Hände vor dem Fatalismus der Fakten, denn Pop ist die Einkehr in die Ohnmacht der Gegenwart. "Guildo holt Schokoriegel raus und verteilt die Hostie. Abendmahlstimmung" (ZEIT magazin Nr. 28/97). Dankbar nicken die Theologen. Ja, so sei es. In einer NDR-Show kniete unter dem Heiligenbild von Guildo Horn nicht Pastor Hintze, nicht Pastor Fliege, sondern Uta Ranke-Heinemann, die Theologin. Kapitalismus als Religion? Ist schon okay. Ego te absolvo.

Im Fegefeuer des Unsinns wartet das Publikum auf das erlösende Lachen. Es kommt nicht. Nichts kommt. Wie sollte es auch. Denn Kitsch, Zynismus und Nonsens bilden den Immunschutz der Gesellschaft vor dem massiven Nichtsinn ihrer Verhältnisse. Was aber bleibet, stiften die Bäcker. Für den kleinen Hunger zwischendurch die Nußecke. Denn so viel Wehmut darf sein.