Neulich bin ich noch drin gewesen. Bin an Nackenhörnchen, Hosenhügeln und marokkanischen Sitzkissen entlanggeschlendert, nicht ahnend, was längst in der Luft lag. Dabei hätte ich es merken müssen. Hätte wissen müssen, daß ein so hoffnungslos antiquiertes Kaufhaus wie das M. Schneider auf die Dauer den Ansprüchen der Marktwirtschaft nicht genügen kann. Daß so konsequentes Beharren auf einem althergebrachten Dienstleistungssystem nebst nahezu jeglicher Investitionsverweigerung das zweite Jahrtausend nicht überleben kann. Schon gar nicht auf der Zeil, einer der umsatzstärksten Einkaufsstraßen in Deutschland.

Allein die Verkäuferinnen: wie sie sich ausgiebigen Beratungsgesprächen über die Strapazierfähigkeit von Frotteebadetüchern oder die Paßform von Nylonstrümpfen hingeben. Wie sie der Kundin bei der BH-Anprobe schon mal beherzt in den Ausschnitt greifen: "Na, Fräulein, da ist noch Luft." Oder die Serviererinnen in der hauseigenen Cafeteria, die im Zeitalter von Selfservice und Automatenrestaurants unbeirrt in ihren weißen Schürzen und Kellnerinnenschlappen gedeckten Apfelkuchen oder Schwarzwälder Kirsch kredenzen, als sei man hier im Wiener Café und nicht in einem Kaufhaus.

Am nächsten Tag stand es dann in den Zeitungen: "Frankfurter Traditionskaufhaus M. Schneider wird geschlossen." Nach 111 Jahren soll, endgültig noch in diesem Jahr, Schluß sein. Aus, vorbei! Ein Schock für die Stadt. "Wieder stirbt ein Stück Frankfurt", schrieb die Bild-Zeitung und "Kunden trösten Verkäufer", denn "200 sind es, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden". Den Tränen nahe, müssen die Angestellten der Kundschaft auf Nachfrage immer wieder die Schreckensnachricht bestätigen.

Nun ist der Frankfurter an sich ja eher ein Pragmatiker, der zu Gefühlsduselei höchstens nach ausgiebigem Apfelweinkonsum neigt. An den Kulturgütern seiner Stadt hängt er immer nur mit halbem Herzen, und was nicht zu ändern ist, dem trauert er nicht lange nach. Ganz gleich, ob da ein international renommiertes Tanztheater die städtischen Finanzkürzungen nicht überlebt, ob eine einst hochgerühmte Ausstellungshalle kaputtgespart wird oder die Eintracht in der zweiten Liga spielt: "Lebbe geht weider" lautet das von Dragoslav Stepanovic dem einstigen Trainer der Fußballtruppe, geprägte Motto in der Mainmetropole.

Doch die Schließung seines ältesten Konfektionswarenhauses, das einst als "modernstes Kaufhaus Deutschlands" galt und 1968 durch einen Brandanschlag der Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin unfreiwillig in die Schlagzeilen geriet, hat den alteingesessenen Frankfurter doch ins Mark getroffen. Wo sonst gibt es eine vergleichbare Auswahl an Stilmöbeln, Stoffen oder Kurzwaren? Wer offeriert schon "Seniorenzimmer in Eiche natur und rustikal", eine "Stützstrumpfberatung" oder einen "Zuschneidedienst"?

Sagenumwoben die Auswahl an Schirmständern, Blumenbänken und Gardinentroddeln, unübertroffen das Sortiment von Kittelschürzen, Bettdecken und Trachten. Allein die Wäsche- und Miederwarenabteilung gilt unter Frankfurterinnen jeder Altersklasse als Geheimtip. Ob rustikaler "Pagenschlüpfer" oder seidiger "French Knicker", ob Feinripp oder Spitze - geschultes Personal bietet kompetente Beratung, mißt mit kundigem Blick Körbchengröße und Schrittlänge und sorgt für diskrete, aber unkomplizierte Wohlfühlatmosphäre. Wo sonst wird man künftig den verstaubten Charme der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre geballt in einem einzigen Gebäude finden?

Die betagte Dame, die hinter mir, vielleicht zum letzten Mal, durch Schlafcouchgänge und Schrankwandschluchten schleicht, verabschiedet sich schon mal vorsorglich von den einzelnen Waren mit inbrünstigen Seufzern. Und dann ersteht sie schnell noch drei Paar Damenfüßlinge - wer weiß, ob und wo man die künftig noch bekommt.