Manchmal überholt die Wirklichkeit sogar die Phantasie der Erfinder banaler Sensationen: mörderische Schüsse im Vatikan, nur hundert Meter von der Wohnung Johannes Pauls II., gefeuert aus der 9-Millimeter-Dienstpistole eines Unteroffiziers der päpstlichen Schweizer Garde, der seinen Kommandanten mit Gemahlin und sich selbst ins Jenseits befördern wollte.

"Ich habe geschworen, mein Leben dem Papst hinzugeben und eben dies ist, was ich jetzt mache", schrieb Cedric Tornay, der 23jährige fromme Soldat an seine noch frömmere Mama im schweizerischen Kanton Wallis am Tag vor der Tat und zwei Tage, bevor der erschossene 43jährige Oberst Alois Estermann am 6. Mai sein Amt als oberster Ordnungshüter im Vatikan angetreten hätte. Dieser habe ihm, so klagte Tornay, die fällige Auszeichnung verweigert - "die einzige Sache, die ich wollte nach drei Jahren, sechs Monaten und sechs Tagen, in denen ich hier alle Ungerechtigkeiten zu ertragen hatte".

Mehrmals war er mündlich verwarnt und im Februar von Estermann sogar schriftlich gerügt worden, weil er - kurz vor der Trennung von seiner Freundin - eine ganze Nacht nicht in die Kaserne hinter den Vatikanmauern zurückgekehrt war. "Wenn ich demnächst zum Chef der Garde befördert werde, muß ich dir das Leben noch schwerer machen", kündigte Estermann an, der offenkundig unter Profilierungsnöten litt. Aber warum? Immerhin hatte er sich schon 1981 - weltweit sichtbar - beim Attentat auf Johannes Paul II. vor den Papst gebeugt und ihn dann auf vierzig Reisen als einer der Leibwächter begleitet. Auch hatte Estermann nicht nur eine wunderschöne Polizistin aus Venezuela geheiratet (die jetzt mit ihm ermordet wurde - warum?), sondern außer Waffenkunde auch Theologie studiert.

Die Truppe verkörpert als mittelalterliche Antiquität fast zeitlose schweizerische Mentalität: Frust- und Freiheitsgefühle einer bewaffneten "Bande" - Cohors Helvetica, wie sie seit ihrer Gründung 1505 bis heute heißt.

Damals waren es 200 Söldner, die zum Schutz des Papstes angeworben wurden

die meisten wurden erschlagen, als sie ihn am 6. Mai 1527 bei der Plünderung Roms durch Landsknechte des "allerchristlichsten" Kaisers Karl V. retteten und in die Engelsburg brachten.

Bei feierlichen Anlässen tragen sie noch immer die - wie eine Legende behauptet - von Michelangelo entworfene, blau-gelb-rot gestreifte maßgeschneiderte Uniform, dazu rot geschmückte Metallhelme und sechs Kilo schwere Hellebarden, Lanzen, die einst Furcht einjagten. Im Alltag der Garde sieht alles weniger malerisch aus. In blauen Uniformen mit dunklen Mützen tun die meisten ihren Dienst, auch - diskret - mit Schußwaffen gerüstet. Die Mehrzahl der jährlich etwa dreißig neuen Gardisten, die sich für zwei Jahre verpflichten, kommt aus der deutschsprachigen Schweiz. Die Bewerber sollen außer dem katholischen Taufschein (der selten trügt) eine Mindestgröße von 1,74 Metern vorweisen, 19 bis 25 Jahre jung, ledig und wehrdiensterfahren sein.

Als Sold werden monatlich etwa zwei Millionen Lire (knapp 2000 Mark) geboten, steuerfrei und bei kostenlosem Schlafsaal in der Gardisten-Kaserne gleich hinter dem Anna-Tor des Vatikans. Hier müssen um Mitternacht auch alle Ausflüge ins Dolce vita von Rom enden. Denn in der Dienstanweisung des bisherigen und jetzt zurückgekehrten Kommandanten Roland Buchs heißt es streng: "Von einem Gardisten wird erwartet, daß er sich dienstlich und außerdienstlich ... in religiöser, moralischer und soldatischer Hinsicht um eine tadellose Haltung bemüht und daß er seine Freizeit nutzbringend für seine Zukunft verwendet."

Ebendies fiel dem gottesfürchtigen und zugleich lebenslustigen Cedric Tornay immer schwerer. Besonders seit ihm die vergoldete Verdienstmedaille der Garde nur deshalb vorenthalten wurde, weil er mehrmals einige Minuten, letzte Weihnachten "sogar eine Stunde" zu spät aus der Stadt zurückgekehrt war.

Immer mehr Groll staute sich an. Erzählte ihm jemand, wie sich derlei vor Jahrzehnten einmal entladen hatte? Damals, im April 1959, schoß ein junger Gardist auf seinen Kommandeur, verletzte ihn aber nur. Da war Tornay schon ein besserer Schütze, als er an der Dienstwohnung des Oberst Estermann um neun Uhr abends klingelte. Warf sich dessen Frau, die Expolizistin Gladys, dazwischen, als sie den Besucher die Pistole ziehen sah? Niemand weiß es genau, drei verblutete Leichen wurden gefunden ...

Es kann nicht - wie der Vatikan-Pressesprecher meinte - ein bloßer "Raptus", ein überall möglicher plötzlicher Wahnsinnsanfall gewesen sein. Der hinterlassene Brief des Täters zeigt etwas von der verklemmten Atmosphäre einer abgekapselten Welt: Das militärisch Rigorose von gleichsam katholischcalvinistischen Eidgenossen, die mit der Waffe im Schrank (und manchmal auch im Kopf) doch freundlich leben, wird da wirksam inmitten der geschlossenen Gesellschaft des Kirchenstaates.

Mit seinem müden Monarchen an der Spitze ist er ein geradezu ideales Spielfeld für Spekulationen und Enthüllungen. Jetzt war es die bis nach Rom wirbelnde Sensation, die der Berliner Kurier entdeckt zu haben glaubt: Der ermordete Oberst Estermann sei identisch gewesen mit einem im Vatikan aktiven Stasi-Agenten namens "Werder". Keinerlei schlüssige Hinweise oder Beweise gibt es dafür - außer einer kuriosen Tatsache, die sogar den Berliner Spürnasen entging. Der Deckname ist nämlich der wirkliche eines bayerischen Ingenieurs Ludwig Werder, der 1852 eine phantastische Waffe erfand: das Hinterladegewehr. Daran aber dachte gewiß niemand, als letzte Woche beim Begräbnis des Ehepaars Estermann die Schweizer Gardisten das Lied vom "guten Kameraden" anstimmten mit dem uralten Vers "Eine Kugel kam geflogen ..."

Getroffen hat sie im bildlichen Sinn auch den Papst, der bei der Trauerfreier im Petersdom auf deutsch die Tragödie beklagte, auch die des Cedric Tornay, den er dem "Erbarmen Gottes" empfahl. Immerhin wird seit fünfzehn Jahren Selbstmördern vom katholischen Kirchenrecht nicht mehr das religiöse Begräbnis verweigert, wenn es keinen "Skandal" erregt. Und davon konnte angesichts des Gesamtskandals keine Rede sein. Sogar die gramgebeugten Mütter von Estermann und Tornay reichten sich an den Särgen die Hand. "Die schwarze Wolke eines Tages kann doch nicht fünfhundert Jahre des Großmuts in der Geschichte der Schweizer Garde verdunkeln", sagte Angelo Sodano, der päpstliche Kardinalstaatssekretär mit verhaltenem Pathos. Als ob er nicht nur historische Gespenster beschwören wollte. Sie bleiben gegenwärtig, seit Niccolò Machiavelli 1532 warnte: "Söldnertruppen sind unnütz und gefährlich."

Wozu später Napoleon bemerkt haben soll: "Mit Ausnahme der Schweizer."