Seit dem Ende des Kalten Krieges ist überall die Neigung gewachsen, alte Feindschaften abzubauen, Konflikte beizulegen und von der Konfrontation zur Kooperation überzugehen. Nur zwei Regionen machen davon eine Ausnahme: die geteilte koreanische Halbinsel und der indische Subkontinent, auf dem sich Indien und Pakistan seit einem halben Jahrhundert feindselig gegenüberstehen.

Dreimal schon seit dem Unabhängigkeitsjahr 1947 hat sich die Feindseligkeit in regelrechten indisch-pakistanischen Kriegen entladen: 1947 bis 1949; 1965, 1971. Das Wettrüsten zwischen den beiden "Mitternachtskindern" (Salman Rushdie) des versunkenen britischen Weltreiches dauert unvermindert an. Beide gelten als heimliche Atommächte und sind bis heute weder dem Nichtweiterverbreitungsvertrag von 1970 beigetreten noch dem Teststoppabkommen von 1996. Das indische Kernwaffenarsenal wird im Westen auf sechzig nukleare Sprengköpfe geschätzt, das pakistanische auf die Hälfte. Beide Staaten haben die Entwicklung von Trägerraketen vorangetrieben: Indien baut die Prithvi, Pakistan (mit technischer Hilfe aus China) die Ghauri, die im April getestet wurde.

Vierundzwanzig Jahre nach ihrem ersten unterirdischen Atomtest haben die Inder jetzt auf dem Versuchsgelände Pokhran in der Wüste von Rajasthan drei weitere atomare Sprengsätze gezündet. Die erregte Reaktion in Islamabad läßt keinen Zweifel daran, daß auch die Pakistanis ihr Atomwaffenarsenal ausbauen werden. Der nukleare Mannbarkeitswettstreit zwischen den unruhigen Nachbarn geht weiter.

Die Erschütterungen, die der Atomtest von Pokhran auslöste, hundert Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt, entsprachen einem Erdbeben der Stärke 4,7 auf der Richter-Skala. In den Kanzleien der westlichen Welt war das Beben nicht weniger stark zu spüren. Der amerikanische Präsident Clinton, der für den Herbst einen Indien-Besuch plant, gab seine "tiefe Enttäuschung" zu Protokoll und drohte mit Wirtschaftssanktionen; für die Europäer bekundete die britische EU-Präsidentschaft "Bestürzung". Bundesaußenminister Kinkel befürchtet "einen Rückschlag für die Bemühungen um internationale Abrüstung und Nichtverbreitung".

Die Moralisten beklagen nun, daß Indien mit seiner Atomrüstung Verrat übe an dem moralischen Vermächtnis Mahatma Gandhis wie Jawaharlal Nehrus. In der Tat hatte Nehru ja 1954 als erster ein Verbot aller Atomwaffenversuche gefordert. Aber der atomare Sündenfall liegt mittlerweile ein Vierteljahrhundert zurück. Indien hat sich lange nicht entscheiden können: Sollte es Abrüstungsmacht oder Atommacht werden? Eine Zeitlang suchte es die Ungewißheit, ob es seine nukleare Option nütze oder nicht, als strategisches Rezept zu verkaufen. Jetzt macht es sich ehrlich. Wie anderswo auch hat am Ende das Sicherheitsbedürfnis über den moralischen Purismus gesiegt.

All jene, die der Bharatiya Janata Party mißtrauen, die seit März unter dem Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee in New Delhi an der Regierung ist, schreiben die forcierte Atomrüstung aufs Konto dieser schrill patriotischen Hindu-Nationalisten.

Doch gründet die indische Atompolitik auf einem weit tieferen und breiteren Konsens. Alle großen Parteien sind gegen den Nichtverbreitungsvertrag. Indien wähnt sich weiterhin von Pakistan bedroht, das die Aufständischen in Kaschmir unverhohlen unterstützt. Und wie es die drei Kriege mit Pakistan nicht vergessen hat, so ist auch die Erinnerung an die schmähliche Niederlage nicht verflogen, die ihm China im Himalaya-Krieg von 1962 beigefügt hat. Delhi hält die chinesisch-pakistanische Zusammenarbeit auf dem Felde der Atomtechnik für beunruhigend und sieht auch in der Lieferung von chinesischer Raketentechnik an Islamabad einen Anlaß zu Besorgnis. Nicht von ungefähr hat der bullrig-polternde Verteidigungsminister eben China als die größte Bedrohung Indiens bezeichnet.