Er glaubt, was er sagt. "Der Freihandel hat Wachstum gebracht", schwärmt Luís Acle, "mehr Fabriken, mehr Arbeitsplätze." Dann lenkt er den Wagen aus San Diego hinaus auf den dreispurigen Highway 5, der von Kalifornien nach Mexiko führt. Im Rücken das Wolkenkratzerpanorama, geht es vorbei an Eigenheimsiedlungen, ein Haus, eine Garage, ein Haus, eine Garage. Die Autobahn glänzt wie frisch gewaschen und gebügelt, schnurgerade führt sie gen Süden. Erst am Grenzübergang bremst Acle kurz, passiert unkontrolliert den Posten, und sagt: "Schreiben Sie den deutschen Unternehmern, hier lohnt das Investieren. Auf der einen Seite gibt es den Markt, auf der anderen gibt es billige Arbeitskräfte."

Acle, Mexikaner mit amerikanischer Staatsbürgerschaft und Wohnsitz in San Diego, hat seine doppelte Identität zum Geschäft gemacht: Er wirbt als Chef des amerikanischmexikanischen Nafta-Vereins für den seit vier Jahren bestehenden Freihandel zwischen den beiden Länder - im Internet, auf Veranstaltungen und wenn nötig auch per Sightseeing. Kaum hat er die Grenze passiert, wird die Straße enger, ein Jeep schneidet die Spur, ein altersschwacher Chrysler pustet schwarze Abgaswolken in die Luft. Acle schließt das Fenster und schaltet die Klimaanlage ein. Vorbei geht es an schmuddeligen Hochhäusern der Millionenstadt Tijuana, dann an kleinen Fabrikhallen, Müll säumt den Straßenrand. Es folgen an steile Hänge geklammerte Bretterbuden, ein Erdrutsch hat einige mit in die Tiefe gezogen, schließlich geht es durch karges, hügeliges Land.

"Da ist der Fortschritt", sagt Acle plötzlich und biegt von der staubigen Straße ab. Wie ein Raumschiff, daß mitten in der Wüste gelandet ist, steht da eine riesige Fabrikhalle. Gläsernes Eingangsportal, asphaltierter Parkplatz mit Zebrastreifen, grüner Rasen, ein Wassersprenger wässert Palmen. "Samsung" steht in blauer Schrift auf einem silbernen Schild.

"Hier arbeiten 5000 Menschen, alle zwei Sekunden wird ein Fernseher fertig. Tijuana ist die Welthauptstadt der Bildschirmproduktion", erklärt ein Samsung-Manager während der Führung durch neonbeleuchtete Hallen, die auch in Korea stehen könnten oder in Polen. Was hier, in der Maquiladora, zusammengebaut wird, darf zollfrei in die USA eingeführt werden, dank der Freihandelszone Nafta, und auch der mexikanische Staat verlangt kaum Steuern. Deshalb ist Samsung gekommen.

An langen Laufbändern sitzen junge Frauen in grünen Kitteln und montieren Computerchips. Die Arbeitsbedingungen? "Wir sind eine große Familie. Es gibt zehn Dollar am Tag, dreißig Dollar Weihnachtsgeld und Kuchen zum Geburtstag", antwortet der Manager, der den gleichen grünen Einheitskittel trägt. Und Acle setzt hinzu: "Sie dürfen nicht immer an Ausbeuterschuppen denken. Es gibt auch in Mexiko strenge Gesetze und Gewerkschaften. Und das hier ist doch wirklich Erste-Welt-Niveau."

Marie Tong kennt eine andere Geschichte. Ihr kleines Büros - ein Schreibtisch, ein Anrufbeantworter, ein Schrank, auf dem Pappkartons mit Akten gestapelt sind - liegt im Gewerkschaftshaus von San Diego. Die junge Frau in Jeans und Turnschuhen kommt spät, heute morgen war sie in Mexiko, auf einer Arbeiterversammlung. "Es ist nicht so einfach, von Mexiko in die USA einzureisen. Nur für Güter gibt es freie Fahrt", entschuldigt sie sich. Marie Tong arbeitet beim Verein zur Unterstützung der Maquiladora-Arbeiter, sie ist deren selbsternanntes amerikanisches Sprachrohr - eine Arbeit, die eigentlich gar nicht nötig sein dürfte.

"Nur für Güter gibt es freie Fahrt in die USA"