In Indonesien herrscht Aufruhr. Mindestens 500 Menschen sind bei den Unruhen der vorigen Woche ums Leben gekommen. Die Hauptstadt Jakarta gleicht mancherorts einem Schlachtfeld. Angehörige der chinesischen Minderheit und westliche Ausländer haben panikartig das Land verlassen. Niemand mag vorhersagen, wie sich die Lage im viertgrößten Land der Erde in der nächsten Zeit entwickeln wird.

Oberflächlich betrachtet erlebt Indonesien eine Revolte nach klassischem Muster: Ein über Jahrzehnte unterdrücktes Volk erhebt sich gegen seinen Diktator. Aber liegen die Dinge wirklich so einfach? Wäre es so - wie kommt es dann, daß die acht Staats- und Regierungschefs auf ihrem Gipfel in Birmingham nur einen maßvollen Appell formulierten, statt Suharto unter Druck zu setzen? Warum wird der 76jährige Herrscher vom Westen behutsamer, ja respektvoller behandelt als die bekannten Parias aus Serbien, aus Libyen, aus Kuba oder aus dem Irak?

Weil Suharto anders ist. Er ist politisch verläßlicher als Milosevic, er bedroht keine anderen Länder wie Hussein, er unterstützt keine terroristischen Kommandos wie Ghaddafi, er ist nicht so verbohrt wie Castro. Vom Leitbild des "guten Diktators" ist Suharto freilich ebenfalls ein Stück entfernt, auch wenn ausländische Medien ihn lange als "lächelnden General" portraitierten.

Inzwischen ahnen alle: Mit Suharto ist kein neuer Staat zu machen

Suharto lächelt in der Tat fast immer, vielleicht weil er damit am besten jenen Seelenzustand ausdrücken kann, den die javanische Ethik dem wahren Herrscher zuschreibt: Harmoniestreben, friedliche Souveränität und, vor allem, Verbundenheit mit einer jenseitigen Welt, die den Herausforderungen aus dem Diesseits überlegen ist. Selbst als ihm in der vergangenen Woche die Kunde vom brennenden Jakarta übermittelt wurde, soll der Präsident gelächelt haben.

Die Indonesier kennen seit langem die Härte, die sich hinter dem milden Antlitz verbirgt. Wann immer es der Präsident für nötig hält, geht er unnachgiebig vor. Die kommunistische Bewegung, die nach der Staatsgründung 1949 die größte Partei außerhalb Chinas aufgebaut hatte, zertrümmerte er mit beachtlicher Gründlichkeit. Nachdem er 1965, damals als ranghoher Militär, einen Putsch linker Generäle niedergeschlagen (und sich selbst an die Macht gebracht) hatte, ließ er "die Kommunisten", die oft nur harmlose Regimegegner waren, verfolgen, einsperren und töten. Noch Anfang der neunziger Jahre wurden Häftlinge für Taten hingerichtet, die ein Vierteljahrhundert zurücklagen.

Suhartos System der "Neuen Ordnung", das Sukarnos "Gelenkte Demokratie" ablöste, duldet keine Abweichler. Mit Berufung auf den gesellschaftlichen Konsens, auf das Prinzip der "Einigkeit", das in Indonesien Verfassungsrang hat, zog der Präsident von Anbeginn gegen aufkeimenden Pluralismus zu Felde. Die Sezessionisten in Ost-Timor, in Irian Jaya und in Nord-Sumatra leiden darunter genauso wie jene Studenten, Intellektuelle und Arbeiterführer, die politische Reformen, vor allem mehr Demokratie, verlangen. Wenn es im Lande Veränderungen gibt, lautet das Credo des Präsidenten, dann nur mit ihm - nie gegen ihn.