Pssst! Nicht weitersagen: Ein Schüler der Oberstufe in Hessen oder Nordrhein-Westfalen, der fröhlich eine Drei in Mathematik nach Hause bringt, bekäme in Bayern oder Baden-Württemberg bei gleicher Leistung mit Glück eine Vier. Rechnete man die Mathematik-Kenntnisse in Schuljahre um, so hinkten die Schüler des erstgenannten Länderpaares jenen des zweiten um eineinhalb Jahre hinterher.

Diesen politischen Sprengstoff haben deutsche Bildungsforscher jetzt als Nebenprodukt einer internationalen Studie zusammengebraut. Sie verraten das allerdings lieber nicht, denn die Kultusminister einiger Bundesländer mögen so etwas nicht hören. So bleibt dem steuerzahlenden Bildungsbürger als Quelle der Erkenntnis nur ein Puzzle aus verklausuliert beschrifteten Tabellen und vertraulichen ministeriellen Hinweisen, das es sorgsam zusammenzusetzen gilt. Der Kreml läßt grüßen.

Zuverlässig hielt die Mauer des Schweigens über Bundesländervergleiche auch, als diese Woche Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und von der Humboldt-Universität in Berlin die Ergebnisse einer Studie vorlegten, des letzten Teils der Third International Mathematics and Science Study (TIMSS III). Forscher aus 24 Ländern hatten im Rahmen einer internationalen Schulvergleichsstudie die Mathematik- und Naturwissenschaftskenntnisse von Gymnasiasten und Berufsschülern der Abgangsklassen untersucht.

Zwei Dinge fallen ins Auge. "Wie man es auch dreht und wendet", sagt Wilfried Bos, der Projektleiter für TIMSS III am Max-Planck-Institut, "Deutschlands Schüler kommen im internationalen Vergleich nicht über einen Mittelplatz hinaus." Und zweitens entzaubert die Studie manchen über Jahre gepflegten Mythos deutscher Bildungspolitik.

So erweisen sich beruhigende Zeitungsmeldungen als irreführend, wonach das mittelmäßige Abschneiden Deutschlands auf Statistikfehlern amerikanischer Forscher beruhe. Seit TIMSS III Ende Februar erstmals in Boston veröffentlicht wurde (siehe ZEIT Nr. 11/98), geisterten solche Meldungen durch die Presse. Doch sie gehen nicht nur auf das Konto schlampig recherchierender Journalisten; die US-Wissenschaftler lieferten die Vorlage, indem sie die Ergebnisse in Form plakativer Länderranglisten veröffentlichten - zum Entsetzen ihrer deutschen Kollegen.

Wie in der Studie auch ausführlich dokumentiert wird, hatten in Deutschland Berufsschüler und Gymnasiasten an den Tests teilgenommen; er ist damit für fast achtzig Prozent des Abgangsjahrganges repräsentativ. Andere Länder hatten nur Gymnasiasten oder Schüler von Spezialschulen an dem Vergleich teilnehmen lassen.

Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut, einer der deutschen Koordinatoren der Studie, betont, daß die Daten der Untersuchung "jede Länderrangreihe verbieten". Die Berliner Forscher haben die Zeit seit Ende Februar genutzt, um das Bild vom deutschen Schüler neu zu zeichnen - schöner wurde es nicht. Auf verschiedenen Wegen haben die Wissenschaftler die Leistungen der deutschen Schüler jenen vergleichbarer Schülergruppen anderer Länder gegenübergestellt: Die deutschen Schüler wurden gemessen an ihren Kollegen aus vorwiegend europäischen Ländern, in denen eine ähnlich repräsentative Gruppe getestet wurde, Gymnasiasten vergleichbaren Schülern anderer Länder gegenübergestellt. Die zehn Prozent besten Deutschen wurden verglichen mit den besten zehn Prozent verschiedener anderer Länder. Wie auch immer die Bildungssforscher den Vergleich anlegten, Deutschland landete bestenfalls im Mittelfeld: bei der mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundbildung, bei den Kenntnissen in höherer Mathematik und denen in voruniversitäter Physik.