Dieser Mann spricht um sein Leben. Vor ihm eine Frau mit einer Pistole und hinter ihm der Abgrund einer Dachterrasse. Er stammelt und stöhnt, er jammert und flucht, und dabei kommt er ins Erzählen. Es war einmal ein junger Mann, ihm selbst verdächtig ähnlich, ein armseliger jüdischer Schuhverkäufer, der unbedingt Schriftsteller werden wollte. Tags maß er den Frauen die Füße und dachte an nichts als an Sex, nachts schrieb er seine Phantasien auf, und seiner Ehefrau war langweilig. Ein älterer Kollege, harmlos und schmierig, erzählte ihm von einer Hure, die ganz und gar Erfüllung wäre: eine Asiatin, im Dienen erfahren, das Wunder einer Frau. Und unser Schuhverkäufer bestellte sie zur Wohnung seines Freundes Mendel Birnbaum, der schwer verletzt im Krankenhaus lag. Noch lebt der Mann. Die Frau hört zu.

Die Hure kommt und ist die Erfüllung. Noch einmal fünfzig Dollar finden für einen weiteren Besuch im Himmel! Der Schuhverkäufer sucht nach Geld in seines Freundes Wohnung, die Hure liegt nackt auf dem Bett, da klopft es an der Tür. "Mendel Birnbaum, laß mich ein!" Es ist der Tod. Er trägt eine schwarze Kutte und hat eine Sense dabei. Eine sehr dumme Verwechslung. "Ich bin nicht Mendel Birnbaum", sagt unser Schuhverkäufer entsetzt. Der Tod zeigt auf das Monogramm des Morgenmantels, und aus dem Schlafzimmer taucht die Hure auf. "Mendel? Wo bleibst du denn so lange?" Es ist für Ausreden zu spät. Und ist es nicht eine Todsünde, die der traurige Held begangen hat, so oder so?

Die Frau muß lachen, und die Pistole sinkt. Unser Mann in Manhattan hat es nochmal geschafft. Wir sehen Woody Allen sehr erleichtert.

Denn Woody Allen spielt sich selbst als Schriftsteller, genauer: Er spielt das Bild, das man von ihm hat, mit dieser kleinen Verschiebung. Der Mann am Abgrund seiner Dachterrasse, der hochbegabte, total neurotische, ständig nervös quasselnde Künstler, dessen Aggregatzustand das Chaos zu sein scheint, der nur in seiner Arbeit klar und verläßlich ist und beinahe Mensch, der macht als Harry Block keine Filme. Sondern schreibt Bücher. Und die sind immer autobiographisch. Nicht ganz, aber zu sehr. Das hat ihm den Besuch dieser Frau eingetragen, die mit einer Pistole auf ihn zielte und ihn vernichten wollte, weil er mit seinem gerade erschienenen Roman ihr Leben vernichtet hat. Denn jeder kann erkennen, daß Lucy Leslie ist, daß sie ihre eigene Schwester mit ihm, dem Autor, betrogen hat, daß sie auf der Beerdigung ihres Vater mit ihm Oralsex hatte - und überhaupt alles kann man erkennen.

Es sieht nicht gut aus für Harry Block. Er ist noch einmal davongekommen, aber was hilft's? Sein Regisseur, der Woody Allen heißt und mit der Krise eng befreundet ist, zeigt ihn als schon halb gesunkenes Wrack. Er hat drei Ehefrauen und sechs Psychoanalytiker verschlissen und ist noch immer ein infantiles Triebtier, das keiner Liebe treu sein kann. Er schluckt Tabletten und trinkt, aber es fällt ihm nichts mehr ein, er sitzt am Schreibtisch dem Nichts gegenüber. Und morgen soll er zu seiner früheren Universität fahren: Vor dreißig Jahren haben sie ihn rausgeschmissen (natürlich völlig zu Recht), jetzt wollen sie ihn ehren für sein belletristisches Werk. Und niemand will ihn begleiten.

Figuren der Phantasie treten in die Wirklichkeit des Films

Statt dessen rennen ihm die Protagonisten seiner Bücher die Türe ein. Sie sind empört über ihre Behandlung, sie pfeifen auf die poetische Wahrheit, sie fühlen sich entwürdigt, bloßgestellt und demontiert. Eine erbitterte Schwester, drei zornige Exgattinnen, eine mordlüsterne verlassene Geliebte: sie alle nehmen Harry auseinander. Sein Regisseur nannte den Film nach einer philosophischen Mode, mit der er so viel Ernst macht, wie es ein Komiker nur kann: "Deconstructing Harry" lautet der Titel des Originals, die ironische Antwort Woody Allens auf die Verwirrungen der Uni-Seminare, die Auflösung des Personenbegriffs und das Raunen vom Tod des Autors. Es ist sein Meisterwerk.