"Wenns so wäre, könnt es sein; wenns so sein könnte, wär es; weils aber nicht so ist, isses auch nicht. Das ist logisch!" ("Alice im Spiegelland", 1871)

Es war ein kühler Maimorgen, über den Christ Church Meadows lag leichter Dunst, und ich suchte das Wunderland. Überall Kaninchenlöcher. Hier irgendwo mußte es sein. Aber wo? Endlich sah ich das Weiße Kaninchen. Ihm brauchte ich nur zu folgen, wie Alice damals, als sie durchs Kaninchenloch fiel.

Als Student trat er in dieses College ein und blieb dort für den Rest seines Lebens, insgesamt 47 Jahre, bis zu seinem Tod 1898. Er war Linkshänder, auf dem rechten Ohr taub, ein hagerer, mittelgroßer Mann, der auch im Sommer graue Wollhandschuhe trug und selbst bei größter Kälte keinen Mantel. Seine Freunde nannten ihn Dodo, denn der Reverend Dodgson stotterte, und wenn er sich vorstellte, sagte er meist: Do-Do-Dodgson.

"Dort drüben hat er gewohnt." Mr. Percival zeigt auf die Nordwestecke des Tom Quad. In der Mitte des weiten Innenhofs liegt ein Teich, von Rasenflächen umgeben. Ringsum, auf den erhöhten Boulevards, patrouillieren Männer mit Bowlerhüten. Sind das die Nachfahren des "Verrückten Hutmachers" aus dem siebten Kapitel des "Wunderlandes"? "Das sind unsere Aufseher", sagt Mr. Percival und öffnet die Tür zu Lewis Carrolls einstiger Wohnung.

Abgewetzte Sessel, Flipperautomaten, ein Billardtisch. Auf dem Boden verstreut Zeitungen und Pappbecher. "Der Junior Common Room", erklärt Mr. Percival, "der Gemeinschaftsraum der Studenten. Hier in der Ecke, wo der Cola-Automat steht, schrieb er seine Bücher." Auch in der oberen Etage erinnert nichts mehr an Lewis Carroll. Seine einstige Dunkelkammer unterm Dach dient heute als Photokopierraum. An der Wand ein paar Graffiti, deren Herkunft keiner kennt. Vorsorglich hat man sie unter Glas gefaßt. Sie könnten ja von Lewis Carroll sein.

Hatte Virginia Woolf also doch recht mit ihrer Bemerkung, der Reverend Dodgson habe kein Leben? "Er schritt so schwerelos durch die Welt, daß er keinen Abdruck hinterließ. Er ging so fügsam in Oxford auf, daß er unsichtbar ist." Sichtbar wird er nur in seinen Geschichten, und die schönsten erzählte er einem kleinen Mädchen, das er in seinem College kennenlernte: Alice Liddell, die jüngste der drei Töchter des Dekans von Christ Church.

Im Deanery Garden traf Lewis Carroll das Urbild seiner Alice zum erstenmal, am 25. April 1856, als er die Kathedrale photographieren wollte. Dürfen wir den Garten mal sehen? "Oh no!", sagt Mr. Percival entsetzt: "The dean is royalty!" Immer noch wird der Rektor von Christ Church direkt von der Krone ernannt, denn seit den Tagen Heinrichs VIII. ist er zugleich Dekan der Kathedrale von Oxford, ein kleiner Collegekönig, dessen Rasen noch heiliger ist als andere. So stehen wir wie Alice vor einem verschlossenen Garten. Wahrscheinlich sind die Gärtner gerade wieder dabei, die weißen Rosen rot anzumalen, weil sie die falschen gepflanzt haben, und wenn's die Herzkönigin merkt, heißt es gleich: "Head off!"