Als Bill Fraser zum ersten Mal die Delphine beim Morden beobachtete, war er schockiert. Mittlerweile hat er ein halbes Dutzend maritimer Bluttaten miterlebt. Heute hat er sich damit abgefunden, daß "Delphine eben keine Schmusetiere sind, sondern wilde Kreaturen".

Fraser veranstaltet Bootsausflüge in der Moray Firth, einer großen Bucht an der schottischen Ostküste. Die Attraktion seiner Photosafaris ist eine hier beheimatete Herde von über 130 Delphinen. Genaugenommen handelt es sich um die mit dem klassischen Delphinus eng verwandten, bis fünf Meter langen Großen Tümmler, Torsiops truncatus . Ihre Mordopfer sind die mit ihnen ebenso eng verwandten Kleinen Tümmler der Gattung Phocaena .

Die Delphine sind heute das Markenzeichen des Tourismus in der Gegend. Kaum ein Souvenir oder Kitschprodukt, auf dem nicht ein Delphin abgebildet ist. Die eleganten Tiere sind aber auch das Maskottchen einer blühenden Naturschutzindustrie. In der Literatur der Whale and Dolphin Conservation Society steht: "Seit Jahrmillionen schwimmen Wale und Delphine in Sicherheit in den Weltmeeren. Doch seit 300 Jahren werden diese zu den schönsten und intelligentesten Tieren der Welt zählenden Geschöpfe gnadenlos geschlachtet und ertränkt, entweder vorsätzlich um des Profits willen oder als Resultat von Umweltverschmutzung und Killernetzen."

Die jüngste Kampagne der Society gilt den angeblich vom Aussterben bedrohten Kleinen Tümmlern. In der Tat werden immer wieder tote Tümmler an der schottischen Küste angeschwemmt, wenn auch in verschwindend geringer Zahl im Vergleich zu dem auf viele tausend Individuen geschätzten Gesamtbestand. Letztes Jahr strandeten 61 Kadaver - und je ein oder zwei Exemplare anderer Wale und walartiger Meeressäuger. Die Tümmler sind aber fast alle nicht Opfer menschlicher Gier oder Nachlässigkeit. Sie wurden von ihren tyrannischen Artverwandten in der Moray Firth getötet.

Zwischen 1991 und 1993 obduzierte Harry Ross vom Veterinärdienst des Scottish Agricultural College (SAC) in Inverness 105 gestrandete Tümmler. 42 Tiere waren schwer verletzt. Viele hatten äußerlich wie Kratzspuren aussehende Bißmarken. Bei seinen Untersuchungen fand Ross Blutergüsse und schwere Blutungen, geplatzten und von der Muskulatur gerissenen Wabbelspeck. Der Rippenkorb von 38 Tieren war gebrochen. Vierzehn hatten ausgerenkte Brustwirbel, vier waren an perforierten Lungen eingegangen. 40 der gewaltsam getöteten Tümmler wurden an der Küste der Moray Firth angespült. Die "Kratzspuren" stimmten exakt mit dem Zahnabstand eines Delphingebisses überein.

Ein Passagier auf Bill Frasers Ausflugsboot filmte mit seiner Videokamera einen Mord von Anfang bis Ende. Das Drama beginnt wie eine Klischeevorstellung der "friedfertigen, spielerischen" Meeressäuger. Zwei, drei Delphine tauchen aus den Wogen auf. Plötzlich sieht man, daß sie ein kleines Tier jagen. Der kaum halb so große Tümmler versucht offenbar zu entkommen. Alle vier verschwinden in den Wellen. Als sie wieder auftauchen, katapultiert einer der Delphine den Tümmler mit einem heftigen Kopfstoß zwei, drei Meter über das Wasser. Kaum landet er, wird er vom nächsten Kopfstoß in die Luft geschleudert. Das "Spiel" wiederholt sich ein ums andere Mal - bis das immer schwächer werdende Opfer in den Wellen versinkt.

Über Aggression, stellte der Ethologe Wolfgang Wickert 1971 fest, seien mehr Bücher geschrieben worden als über alle anderen tierischen Verhaltensformen zusammengenommen. Konrad Lorenz, einer der Begründer der modernen Verhaltensforschung und Verfasser eines seinerzeit berühmten Buches über "das sogenannte Böse", suchte die Ursache für Aggressivität in "arterhaltender Zweckmäßigkeit". Wickert meinte, sie diene "primär der Gen-Ausbreitung".