Mit unvergeßlichem Schmelz sang der verstorbene Frank Sinatra "I did it my way": The Voice. Mit vergänglichem Schmalz sprach der keineswegs verstorbene Politiker "I did it my milky way": Der Patriarch.

Helmut Kohl ist ein ehrenwerter Mann. Er hat keine silbernen Löffel gestohlen. Es gibt keine strafbaren Handlungen. Es gibt nur sträfliche Unterlassungen. Kein Filz - nur ein Hauch von Filzpantoffeln. So ist seine Grazie etwas eingeschränkt. Auch die seiner Sprache: Patschhändchen-Charme. Seine Bremer Rede spannte einen Horizont von der unendlichen Weite der Wohnstube: Das Vokabular ist das des treusorgenden Familienvaters, der den Kindern - "Das müssen die Menschen erkennen" - den rechten Weg weist. Er kennt die weite Welt - "Ich komme gerade vom Weltwirtschaftsgipfel aus Birmingham", "Was Michail Gorbatschow mir mal gesagt hat", "Der EU-Gipfel in Cardiff" - und weiß das Haus zu richten: "Millionen Menschen mit kleinen Einkommen, die nicht ihr Geld ins Ausland schaffen können und ihr Eigenheim abzahlen". Er benutzt das Herz-erwärme-dich-Ritual des guten Hirten: einer von uns, aber ein bißchen weiser - "Aber ich sage das auch in Kenntnis, daß ..." Höchst wirksam scheut er keinen Schluchz-Appell für die Fünfzigjährige, der mit dem Satz "Du bist zu alt" der Arbeitsplatz genommen wird. Papas Lull-Prosa. Wer die Arbeit nimmt, wer vor allem sie den Millionen Fünfzigjährigen wiedergeben könnte: dazu in eineinhalb Stunden kein Wort. Mit der Perfektion der höchst erfolgreichen Trivialliteratur - die ja im Unterschied zu den neuen Dimensionen der Kunst das Bekannte variiert, vorhandene Erwartungshaltungen bedient - hämmert er Merksätze ins Publikum, die keinerlei Erkenntniswert haben: "Das ist doch die Wahrheit"; "Es ist ganz einfach"; "Das gehört doch zur Wirklichkeit des Landes"; "Das ist das, was wir den Leuten sagen müssen". Die Leute - er benutzt ganz ungeniert den Topos "die Menschen da draußen"; also ist er "drinnen": Wo ist eigentlich "drinnen"? - sind aber Nachbarn, er streckt die Hand über den Gartenzaun. So sind die Bewohner der neuen Bundesländer "eine Gemeinschaft - die waren auch fleißig"; und wir "haben den Krieg gemeinsam verloren". Gemeinsam begonnen offenbar nicht. Das ist Kohls perfider Trick - daß er das unterschwellig Dumpfe berührt, das leise Bedauern über einen verlorenen Krieg. Schon auf dem Landesparteitag der nordrhein-westfälischen CDU Ende April hatte er mit Spießerdreistigkeit brilliert: "Wenn Ausländer zu uns kommen, dann genießen sie Gastrecht. Doch müssen sie sich auch wie Gäste benehmen, die man sich sonntags einlädt. Und wenn die dann kommen und schlagen die Einrichtung kaputt, prügeln die Hausfrau und treten den Hund, dann müssen sie eben raus aus Deutschland." Eine fast wortgleiche Passage der Bremer Rede erntete frenetischen Beifall. Der Hund wird getreten - die deutsche Nation erschauert. Daß die Gäste allerdings arbeiten - offenbar müssen die Sonntagsbesucher in Oggersheim die grünen Bohnen schnippeln und den Apfelkuchen backen -, wird über der Drohgebärde "Gemma Dackel vergiften im Park" vergessen gemacht.

Mit der schleifenden Sicherheit eines Walzertänzers vom Wolfgangsee bewegt er sich in seiner Wortmusik aus "Warum sollen wir das nicht so sagen", "Ich fordere vom deutschen Volk Mut zum Umdenken", "In Wahrheit ist das der Schlüssel"; auch "Demut", "Zuneigung", "ehrlich" wird reichlich ausgeteilt. Wer wollte nicht applaudieren Erkenntnissen wie "Kinder brauchen menschliche Wärme"?

Der Mann ist ein Fundamentalist des Banalen. Er spricht in Fernsehbildern, und sein Publikum ist den Tränen nahe, wenn er von den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft erzählt oder "Was ich erlebt habe mit den Soldaten auf den Dämmen im Oderbruch ...". Vater bricht das Brot, spricht das Tischgebet und ermahnt die Familie, "unser eigenes So-Sein" der gegnerischen "Propaganda" entgegenzusetzen. Der Nachtisch ist ein Pudding aus Volksmundweisheiten à la "Das muß uns vom Stuhl reißen", auch schon mal - gewiß absichtlich - in jenem Deutsch, in dem man sich sonntags beim Autowaschen austauscht: "Diese ganzen Leute, die da so klug daherreden."

Diese Sprachattitüde des Blauäugigen - "Wenn wir ehrlich miteinander umgehen"; "Damit das auch mal ganz klar ist" - verdeckt die Verschlagenheit des Handelsreisenden. Der preist seine Ausverkaufsware an - "Wir wollen junge Menschen nach ihren Begabungen fördern"; "Deswegen sage ich ganz einfach ja zur Erziehung, ja zur Leistung" - und denunziert den Musterkoffer seines Konkurrenten (in dem haargenau dieselben bunten Bänder für die tumbe Bäuerin liegen). Man kennt ja die mit der Unschuldsmiene des baby face verlautbarten Infamien von Norbert Blüm - etwa, daß die Sozialdemokraten, von denen viele in Bautzen inhaftiert und gequält wurden, nun "mit den Nachfolgern der Kerkermeister ihrer Großväter gemeinsame Sache machen". Das steht dem Politiker einer Partei gut an, zu deren Stifterfiguren ein Globke gehörte und die einen Bundeskanzler wie einen Bundespräsidenten stellte, die in der NSDAP waren. So war Kohls Hauptattacke - immer "Vater, Oma, Großeltern und den Onkel" herbeizitierend - gegen das "Magdeburger Modell" demagogisch. Wenn ihm wirklich "Politik Herzenssache" wäre, hätte er redlicherweise daran erinnern müssen, daß die CDU - im Gegensatz zur verbotenen SPD - den Ulbricht- und Honecker-Staat als Blockpartei mitgetragen hat, daß sie heute in vielen Kommunen sehr wohl mit der PDS kooperiert; das Photo von der Eröffnung des Schwimmbads in Halle, das 1997 den CDU-Oberbürgermeister traut vereint mit dem PDS-Kulturdezernenten bei der Einweihungszeremonie zeigt, hätte ein treffliches Plakat für die Bremer Stadthalle abgegeben. "Etwas ganz genau wissen ist der ewige Vorbehalt der Dummheit", schrieb Rudolf Borchardt.

Dumm ist Helmut Kohl gewiß nicht. Es ist eher schlimmer - er glaubt sich selber, glaubt fest an die eigenen Platitüden. Wenn er im Brustton des warnenden Patriarchen ausruft: "Was ist falsch an Law and order, das heißt, lassen Sie mich das ganz einfach sagen, Gesetz und Ordnung" - dann hält er offensichtlich eine kompliziertere Übersetzung für möglich. Aber bei der Rückübersetzung komplizierterer gesellschaftlicher Probleme ins "ganz Einfache" - "Wagemut beginnt in der Familie" - hat er vergessen, auch nur einen, einen einzigen politischen Lösungsvorschlag zu machen. Gewählt werden möchte er, der den Euro mit der so verlockend-neuen Möglichkeit illustriert, die europäische Jugend könne dann "die Loreley, den Picadilly Circus und den Eiffelturm" besuchen. Doch warum man ihn eigentlich wählen soll, hat er nicht verraten; es sei denn, sein bejubelter Eingangssatz "Die wollen dorthin, wo wir sitzen, und wir wollen nicht, daß sie da sitzen - so einfach ist das" wäre sein erleuchtetes Regierungsprogramm. Er hat sich nicht angebiedert. Er ist bieder. Biedermann und die Brandlöscher. Seine Worte sind nasse Lappen.