Heute ruhen die Stammgäste der guten Mitte wieder auf ihren Lorbeeren aus ... Und wenn auch sonst weiter nichts stabilisiert ist, so doch der Kapitalismus. Auf Klagen von Unten antwortet der Harfenklang wohltemperierter Resignation: Dafür ist kein Geld da!"

Das haben wir doch schon mal gehört. Gewerkschaftssound? Ostalgie? Polemik gegen Schröders neue "Mitte"? Mitnichten: Die Sätze stammen aus dem ersten Artikel der ersten Ausgabe der Weltbühne im Jahr 1927 - dem Jahr, in dem der Verfasser, Carl von Ossietzky, die Leitung des Blattes übernahm. Zeitkritisch blieb die alte Weltbühne auch nach der Machtergreifung, während ihrer Prager und Pariser Emigrantenjahre

die Neugründung im sowjetischen Sektor stand indes unter einem etwas anderen Stern. Mit der Wende kam ein neuer Verlag, bald darauf ein neuer Besitzer, der umstrittene Aufbau-Verleger Bernd Lunkewitz - und 1993 das Aus: Peter Jacobsohn, der Erbe des Gründers, flog über den großen Teich, um die Titelrechte einzuklagen, Lunkewitz stellte die Sache ein, und nun liegen die Rechte ungenutzt beim Berliner Webe-Verlag.

Oder auch nicht: Der Streit um das Traditionsblatt, bei dem überdies die Treuhand mitmischte, erzählt die deutsche Geschichte ein weiteres Mal und ist noch lange nicht ausgestanden. Peter Jacobsohn starb

die Zeitschrift seines Vaters aber, der sie vor 93 Jahren als theaterorientierte Wochenschrift unter dem Titel Schaubühne einführte und 1918 thematisch wie namentlich zur Weltbühne erweiterte, lebt wieder - und das gleich doppelt.

Ossietzky heißt, aus naheliegenden Gründen, die eine Reinkarnation

für sie zeichnet der Journalist Eckart Spoo verantwortlich. Die andere nannte der Kreis um Ulrich Backmann und Jörn Schütrumpf Das Blättchen, nach dem Kosenamen, den Jakobsohn, Ossietzky und Tucholsky ihrer Weltbühne verehrten.