Beim Exerzieren des 1. Leibgrenadierregiments Dresden hatte es der Kronprinz Georg von Sachsen nicht leicht. Er besaß eine mittelgroße Statur, wirkte aber unter den Hünen eher klein, die der Leibkompanie das imposante Gepräge gaben. Der Prinz führte den ersten Zug und stand dort neben dem längsten Mann der sächsischen Armee. Während sich dieser "rechte Flügelriese" gewandt und ruhig fortbewegte, mußte "der Kronprinz mit seinen kurzen Beinen ganz unsinnig große Schritte machen" und beim Parademarsch regelmäßig zurückbleiben. Hierauf rief der Kompaniechef, Lionel Graf Vitzthum von Eckstädt, von seinem hohen Roß herab mit einer Stimme, die man bis zu den Nachbarregimentern hören konnte: "Königliche Hoheit, Sie sind nicht in der Linie!"

Solche Szenen, die kein Hofjournal festhielt, hat der Leutnant Arnold Vieth von Golßenau beobachtet und Jahrzehnte später, als aus ihm längst der Schriftsteller Ludwig Renn geworden war, in seinem Erinnerungsbuch "Adel im Untergang" überliefert. Zwischen ihm und dem Kronprinzen hatte sich ein merkwürdiges Einverständnis, "etwas wie ein Waffenbündnis", entwickelt, das nicht nur die Duzbrüderschaft beförderte, die Georg dem Leutnant anbot. Er lud ihn auch in die königliche Villa nach Strehlen ein, wo kein Sektkübel zur Hand war, so daß ein Wassereimer, bestückt mit zwei Bouteillen, inmitten von Meissener Prozellan auf der Tafel prangte. Dann aber geschah es plötzlich, daß sich der Prinz ans Harmonium setzte und eine schwermütige Melodie intonierte. "Ich weiß nicht", sagte er aus der Dunkelheit heraus, "etwas macht mich traurig, und ich - möchte gern allein sein." Diese Worte habe er "weich und herzlich" gesprochen.

Als Ludwig Renn, aus der Rückschau von drei Jahrzehnten, dergleichen Reminiszenzen niederschrieb, trennten ihn, mittlerweile KPD-Genosse und Spanien-Kämpfer, Welten von seinem früheren königlich sächsischen Kasino-Dasein. Trotz aller Wandlungen hat er jedoch der "religiös gestimmten Menschenfreundlichkeit des Kronprinzen" seine Achtung erhalten. Denn Georg, Angehöriger des Hauses Wettin, eines der ältesten deutschen Herrschergeschlechter, ist wahrlich "nicht in der Linie" gewesen.

Er wurde am 15. Januar 1893 im Dresdner Taschenberg-Palais geboren, das Georgs Ahnherr, August der Starke, einst für seine Maitresse, die Gräfin Cosel, hatte bauen lassen. Die erotischen Eskapaden, die man sich von dem Vorfahren erzählte, schienen das Haus Wettin wieder einzuholen, als Georgs Mutter Luise, eine Habsburgerin, Ende 1902 mit dem Sprachlehrer ihrer Kinder, einem belgischen Bonvivant namens Giron, durchbrannte. Es war einer der spektakulärsten Skandale zu Beginn unseres Jahrhunderts, weidlich ausgebeutet von der Presse und eine dauernde Schmach für die Betroffenen.

Er träumte Lessings Traum von der Versöhnung der Religionen Trotzdem hat die Affäre den verlassenen Gemahl, der 1904 als Friedrich August III. letzter König von Sachsen wurde, im Bewußtsein und auch noch in der heutigen Erinnerung seiner Landeskinder nicht beschädigt. Er war ein redlicher und konzilianter, dabei zutiefst religiöser und doch witziger Monarch, der es zum populärsten deutschen Fürsten der Wilhelminischen Ära brachte. Einige seiner Sentenzen haben sich bis jetzt im sächsischen Zitatenschatz erhalten, auch wenn er bei seiner Abdankung die ihm zugeschriebenen Worte nachweislich nicht gesprochen hat: "Macht eiern Dreck alleene!"

Daß der König seinem Sohn Georg und den anderen Kindern eine sorgfältige Erziehung angedeihen ließ, war selbstverständlich. Der Thronfolger absolvierte die Prinzenschule und hörte anschließend Vorlesungen an der Unversität Leipzig. Er begann sich mit der Verwaltung vertraut zu machen, besuchte die sächsischen Amtshauptmannschaften und erlernte im Lauf der Zeit sieben Sprachen. Dazu kam die obligate militärische Ausbildung, die der Prinz pflichtschuldig absolvierte.

Prägend für alle Zukunft jedoch wurde eine Spezialität, die so ausgeprägt nur in Sachsen anzutreffen war. Seit August dem Starken war das sächsische Herrscherhaus wieder katholisch, obwohl es über das Geburtsland der Reformation gebot. Der katholische Regent und die lutherische Bevölkerung kamen, bis zum Ende der Monarchie, ganz passabel miteinander aus, weil sie sich gemeinsam von tätiger Toleranz leiten ließen, die denn auch einmal eine sächsische Tugend genannt worden ist.