Das Entstehen eines Weltmarkts und die "Globalisierung" waren im Jahre "Kommunistischen Manifest" von Marx und Engels: "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. (...) Die uralten nationalen Industrien werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden."

"Die Bourgeoisie reißt (...) durch die unendlich erleichterte Kommunikation auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation."

Soweit Marx und Engels. Allerdings wissen wir, daß diese scharfsinnige Analyse Bestandteil eines der repressivsten Systeme der Weltgeschichte wurde.

Wo steckt also das Falsche im Richtigen? Welche Munition ist in ihren Texten versteckt, die für den späteren Gebrauch durch linkstotalitäre Ideologen geeignet war?

Auffällig ist die militärische Färbung des Wortschatzes von Marx und Engels.

Die Kräfte des Marktes sehen sie als Waffen, mit denen überständige Verhältnisse wie Festungsmauern zerschossen werden. Die Herstellung neuer "Produktionsverhältnisse" verstehen sie als gigantischen Akt der Mobilmachung.

Mit dem Selbstverständnis der "Bourgeoisie" hatte dies gar nichts gemein: Deren Ziel war gerade die Verbannung der Gewalt aus dem öffentlichen Leben, äußerer Friede, das Eindämmen von Militär und Bürokratie, Freiheit von obrigkeitsstaatlicher Gängelung des Geistes. Das entsprach ihren Interessen.

Grundlage der Marktverfassung ist der Marktfriede.

Marx und Engels aber zeichnen das Bild eines militärischen Oberkommandos, in dem die einzelnen Wirtschaftszweige als Teilarmeen fungieren.

"Arbeitermassen, in der Fabrik zusammengedrängt, werden soldatisch organisiert. Sie werden als Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt."

Das hat wenig mit dem tatsächlichen Verlauf der Industriellen Revolution zu tun - dafür drängt sich der Vergleich mit dem Aufbau der sowjetischen Industrie geradezu auf.

Marx und Engels glänzten durch die Denunziation aller Gemäßigten. Die Revolution mußte für sie nach dem Schema der Französischen Revolution ablaufen und am Ende die radikalste Partei - ihre Partei - an die Macht bringen. Mittel dazu war der Vernichtungskrieg gegen konterrevolutionäre Klassen und Völker.

Das qualitativ Neue einer Gesellschaft, die das Recht des Stärkeren ersetzt durch eine Kultur des Tausches und einer diskutierenden Öffentlichkeit, blieb ihnen fremd. Der das ganze 19. Jahrhundert beherrschende Diskurs, wie Gewalt zu bändigen und eine zivile Ordnung herzustellen sei, schien ihnen Heuchelei.

Dies kennzeichnet 1848 und 1849 durchgehend die Politik der Neuen Rheinischen Zeitung (NRZ), des "Organs der Demokratie". Für Marx und Engels, die beiden Chefs, ist klar: Ihre Vorstellung von "Demokratie" wird sich nur in "Weltkriegen" verwirklichen lassen.

Fix- und Angelpunkt ist die leidenschaftliche Propaganda eines revolutionären Kriegs gegen Rußland, dessen Zarentum der Hort der "Reaktion" ist. Man hat in der Dauerpolemik der NRZ gegen Rußland und slawische Völker einen heimlichen Nationalismus gelesen, doch die Quelle dieses Hasses ist eine andere.

Die NRZ schoß sich auf die Tschechen, Slowaken und Ruthenen (Ukrainer) ein, deren Bauernbevölkerung ihren Grundherren mehr traute als den Demokraten.

Während im Juni 1848 noch den Tschechen das Zertifikat "sozialrevolutionär" zugestanden wird, wandelt sich das Urteil im Lauf des Sommers. Als im Herbst kroatische, ruthenische und tschechische Regimenter gegen die ungarischen und Wiener Aufständischen vorgehen, wird die NRZ-Redaktion feindselig.

Die Tschechen sind "Hunde" und die Kroaten "Abschaum" Engels kann selbst an den demokratischen Kräften unter den Tschechen nur "Schurken oder Phantasten" erkennen. Als der Wiener Oktoberaufstand niedergeschlagen wird, schwindet jede Zurückhaltung. Die Korrespondenten der NRZ aus Wien, namentlich der rassistische Müller-Tellering, titulieren die kleinen slawischen Völker nur noch als "tierisch-blödsinnige Slaven", "blödsinnige Slavenesel", "niederträchtige Hunde von Slaven und Ruthenen", "Tschechenhunde", "Kroatenabschaum".

Im Februar 1849 legt Müller-Tellering antisemitisch nach: "Man fühlt in Österreich im ganzen Volke, daß das Judenvolk dort die niederträchtigste Sorte von Bourgeoisie und den gemeinsten Schacher repräsentiert, darin liegt die ganze Antipathie gegen das Judengesindel."

Die Chefredakteure in Köln deckten all das. Marx selber schrieb Ende des Jahres in einem Leitartikel: "In Wien erwürgten Kroaten, Panduren, Tschechen, Sereschaner (eine aus Südslawen gebildete Heerestruppe) und ähnliches Lumpengesindel die germanische Freiheit."

Wer dies als typisch für den damaligen Stil streitbarer Publizistik herunterspielt, der unterschätzt den nach Systematisierung drängenden Geist der Väter des Marxismus. Sie zauberten aus dem Hut eine Theorie der "Völkerabfälle", dem Untergang geweiht. "Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt", schreibt Engels.

Deshalb fordert er "unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod mit dem revolutionsverräterischen Slaventum Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus. (...) Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen (...) antworten wir: daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist daß seit der Revolution der Tschechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist."

Engels hatte nichts übrig für den Anarchisten Bakunin und seine Parteinahme für die Südslawen, die unter dem Joch der ungarischen Revolutionsregierung standen. Die Ungarn seien im Gegenteil viel zu nachgiebig gegenüber den Kroaten, das sei konterrevolutionär.

Für die beiden Revolutionstheoretiker ist das Slawentum - mit Ausnahme der Polen - eine einzige "Vendée" (in der Französischen Revolution lehnten sich royalistische Bauern aus der Vendée gegen das jakobinische Regime auf). Nach dem Vorbild der Jakobiner müsse man die Slawen mit Feuer und Schwert austilgen.

Marx und Engels meinten nicht unbedingt die physische Ausrottung, sondern "nur" die terroristische Unterdrückung der Nationalbewegungen und des Panslawismus. Sie unterscheiden zwischen fortschrittlichen Nationen, die ein Lebensrecht haben, und "geschichtslosen" Völkern, die nur die Knute verdienen.

Inwieweit sie damit der Legitimation der Ausrottung ganzer Nationalitäten in kommunistischen Diktaturen vorgearbeitet haben, ist eine interessante Frage.

Stalin, Mao Tse-tung, Pol Pot und Mengistu haben "konterrevolutionäre" Klassen und Völker liquidiert, ohne sich im einzelnen auf Marx zu berufen.

Ihr kriegerisches Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung hinderte Marx und Engels daran, die bürgerliche Zivilgesellschaft zu begreifen. Sie übersahen, daß das Freihandelsinteresse von britischen Manchester-Industriellen durchaus korrespondierte mit linksliberalen Prinzipien, internationalen Friedensbestrebungen und dem Willen zu sozialen und politischen Reformen. Für sie war das allenfalls die sentimentale Bemäntelung eines reinen Profitinteresses. (Heute steht die amerikanische Politik bei der europäischen Linken unter einem ähnlichen ideologischen Verdacht.)

In fast allen Äußerungen über die Mächte des 19. Jahrhunderts bleibt von Marxens Klarsicht in Sachen Weltmarkt wenig übrig. Statt dessen regieren Gewaltphantasien, die sich mit Versatzstücken aus Hegels Volksgeistlehre tarnen, wonach sich jede höhere zivilisatorische Stufe in einer konkreten Nation verkörpere.

Der Hegelianismus offenbart sich in späteren Jahren noch deutlicher in Engels' Polemik gegen Bakunin, dessen Beharren auf dem Lebensrecht der slawischen Bauernvölker gegen die Germanisierung mit Hohn bedacht wird: Es sei ein Verbrechen, "daß die Deutschen und Magyaren zu der Zeit, als in Europa die großen Monarchien eine ,historische Notwendigkeit' wurden, alle diese kleinen, verkrüppelten, ohnmächtigen Natiönchen zu einem großen Reich zusammenschlugen und sie dadurch befähigten, an eine r geschichtlichen Entwicklung teilzunehmen, der sie, sich überlassen, gänzlich fremd geblieben wären. Freilich dergleichen läßt sich nicht durchsetzen, ohne manch sanftes Nationalblümchen gewaltsam zu zerknicken. Aber ohne Gewalt und eherne Rücksichtslosigkeit wird nichts durchgesetzt in der Geschichte."

An anderer Stelle statuiert Engels das Urteil: "Die ganze frühere Geschichte Österreichs beweist es bis auf den heutigen Tag, und das Jahr 1848 hat es bestätigt: Unter allen Nationen und Natiönchen Österreichs sind nur drei, die aktiv in die Geschichte eingegriffen haben, die noch jetzt lebensfähig sind - die Deutschen, die Polen, die Magyaren. Daher sind sie jetzt revolutionär.

Alle anderen kleinen Stämme und Völker haben zunächst die Mission, im revolutionären Weltsturm unterzugehen."

1851 holt Engels in einem Brief an Marx die letzte slawische Nation aus seinem Pantheon: "Die Polen haben nie etwas anderes in der Geschichte getan, als tapfre, krakeelsüchtige Dummheit gespielt. Auch nicht ein einziger Moment ist anzugeben, wo Polen (...) den Fortschritt mit Erfolg repräsentierte oder irgendetwas von historischer Bedeutung tat."

In alldem zeigt sich - gegen das bürgerliche Prinzip der Gewaltenteilung und -begrenzung - das alte absolutistische Prinzip, wonach Opposition gegen den Herrscher ein Verbrechen ist. Im Zentrum der kapitalistischen Welt, in Großbritannien, hatte sich längst eine neue politische Kultur und ein liberaler Rechtsstaat herausgebildet. Nutznießer waren die geschlagenen Revolutionäre des Kontinents von Mazzini bis Kossuth, von Marx bis Engels.

Sie wußten ihr sicheres Exil zu schätzen.

Im Herzen der Weltbourgeoisie war durch kluge Reformen der Ausbruch einer Revolution verhindert worden. Der freie Wettbewerb wurde abgesichert durch den legitimen Wettbewerb im politischen Bereich. Der spätere Tory-Premierminister Disraeli lobte 1845 die "gesunde und heilsame Kontrolle durch eine verfassungsmäßige Opposition". Die Wahlrechtsreformen, die Abschaffung der Schutzzölle, die Fabrikgesetzgebung, die Ächtung der Sklaverei wurden nicht "auf dem Schlachtfeld" erkämpft, sondern von wechselnden Koalitionen der Vernunft, von fortschrittlichen Aristokraten, Kirchenleuten, gemäßigten Arbeiterführern und realitätstüchtigen Industriellen.

Und: Es waren englische "Bourgeois", die neben Amerikanern und Schweizern zum Motor einer Weltfriedensbewegung wurden. Der Dritte Weltfriedenskongreß wurde 1850 in der Frankfurter Paulskirche abgehalten, in einer Zeit, als die Revolutionäre noch imaginäre Armeen über ein phantasiertes Weltkriegsschlachtfeld schoben.