Beinschuß, Bauchschuß, Herzschuß", hieß es über seinen Führungsstil beim Magazin Tango, das einige Wochen lang überlebte. "Ich will 'ne Sau, Sau, Saurierfrau, denn die Zeiten sind hart, und die Sitten sind rauh", soll er irgendwann auf einem Redaktionsflur gesungen haben. Damit der Betrieb läuft, müsse man "Musterleichen schaffen", lautet noch so ein geflügelter Spruch.

Dönekes über Hans-Hermann Tiedje, Jahrgang 1949, den Helmut Kohl zu seinem persönlichen Medienberater ernannt hat. Peter Hintze soll sich riesig gefreut haben, als er aus einer Agenturmeldung erfuhr, welche Powerfritte ihm da vor die Nase gesetzt wird. Früher war er Chefredakteur der Bunten und von Bild, dieser Mann, der sich gern als frischer und genialer Prolet in Szene setzt.

Zigarre im Mund, think big auf den Lippen, so hat man sich den Gehilfen an Hintzes Seite wohl vorzustellen. Nun hatte die CDU, jedenfalls in der Gestalt von Dr. Wolfgang Schäuble, als "Partei der Aufklärung" gegen Gerhard Schröder zu Felde ziehen wollen, dem alles nur noch zur Show und Inszenierung gerinne. Dagegen sollten Inhalte, Argumente, unbequeme Wahrheiten gestellt werden. Jetzt aber der Umbau auf der Etage seiner Verkäufer: Gerade vier Monate noch bis zur Wahl, und doch war es Kohl wichtig, Peter Hausmann als Regierungssprecher ausdrücklich zu "entlassen". Ihm wird angelastet, den Kanzler - zuletzt in Brüssel - nicht gut verkauft zu haben. Sündenböcke waren Regierungssprecher in Notzeiten oft. Aber mit Hausmann trifft es schon deshalb den Falschen, weil er, von der CSU nach ihren Gesetzen auserwählt, als Sprecher Kohls in Bonn nie wirklich angekommen ist. Er hatte keine Chance. Und die hat er nicht genutzt.

Sein Nachfolger, Otto Hauser, CDU-MdB, genießt - man muß es so offen sagen intern in Partei und Fraktion einen Ruf, neben dem der Hans-Hermann Tiedjes geradezu schmeichelhaft ist. Auch wenn Kohls Ratgeberin, Juliane Weber, das anders sehen mag - Hauser-Kritiker erkennen in ihm nur den ergebenen Diener, den Fädenzieher, ja sie beschreiben ihn hart als "medioker".

Das ist Tiedje, gemessen an seinem Ruf, sicher nicht. Beide, Tiedje wie Hauser, mögen auf ihre Weise zu Helmut Kohl passen; das kann schon deshalb keine böse Nachrede sein, weil er sie selber geholt hat. Aber wie passen sie zu einer CDU, die "Argumente statt Inszenierung" zu ihrer Leitmelodie machen wollte? Jetzt scheint sie die SPD mit deren Waffen schlagen zu wollen, oder, nein: setzt auf einen Schelmen anderthalbe. Schröders Popularität mit gröbstem Kaliber bekriegen? Das kann auch nach hinten losgehen.

Es sieht ein wenig so aus, als gerate der Kanzler in Panik. Er verliert die Ruhe und greift nach Mitteln, die er für bewährt hält. Wem immer das helfen mag: Neugieriger macht, wie sich bloß seine zähe Liebe, ja verbissene Loyalität zur Bild-Zeitung und zu Köpfen erklärt, die Blattmacher und Plattmacher zugleich sind. Zu den Vorgängern Peter Hausmanns a. D. gehörte ja auch Peter Boenisch, einst Chef von Bild und Welt. Später rückte Kai Diekmann, stellvertretender Chefredakteur des Blattes, dem Kanzler und seinem Amt reichlich nahe. Mit Diekmann ersprach er denn auch sein Buch "Ich wollte die Einheit", das schon im Titel jeden Widerspruch gegen seine Grundthese sozusagen bei Strafe untersagte. So, wie Kohl einmal dafür gesorgt haben soll, daß Tiedje Bild verlassen mußte, weil der Kanzler als "Umfaller" präsentiert worden war, rettete er Diekmann angeblich vor seinen verlagsinternen Kritikern, die ihm die große Nähe zum "Hofe" vorhielten. Wer was über ihn schreibt, das hat Kohl schon immer bekümmert, die "Mediendemokratie" fing lange vor Schröder an.

Journalismus und PR wohnen dicht beieinander

Das Fernsehen, Bild und die FAZ: Diese Medien, in dieser Reihenfolge, haben für Kohl höchste Priorität. Die Liebe zu Bild und den Bild-Journalisten muß man aber wohl als Chiffre für Kohls Verhältnis zu Medien überhaupt begreifen. Bild macht Politik, weil das Blatt Stimmung macht. Aber Bild ist für Kohl wohl mehr, ein Medium, in das man hineinhorcht, aber auch hineinruft.

Journalismus und Public Relations wohnen ohnehin dicht beieinander, und sie rücken noch enger zusammen - auf dem Boulevard, im Fernsehen und anderswo. Kohl wäre nicht Kohl, bliebe ihm das verborgen. Dazu hat er nicht Schröder gebraucht. Er neigt selber seit langem - übrigens nicht seit jeher - dazu, beides miteinander locker-flockig zu verwechseln. In Bild und mit Bild-Machern aber kann man lernen, die Gesetze moderner PR zu studieren und zu nutzen.

Die Parteizentrale von heute sucht mehr denn je die kürzeste Formel, die unter die Haut oder unter die Gürtellinie geht. Sie will Stimmung machen in der Stimmungsdemokratie, die sie herbeiredet. Könnte es sein, daß Kohl, der Kanzler mit dem kühnen Versprechen von der geistig-moralischen Führung auf den Lippen, im Laufe der Jahre den Begriff davon verloren hat, was "politische Öffentlichkeit" ist und warum man sie dringend braucht? Daß er daher die Welt am liebsten in Freund- oder Feind-Journalisten, in weiß oder schwarz unterteilt. Dann würde mit Tiedje die Sache erst richtig rund. Mit ihm hätte er den Mann an seiner Seite, der dieses allmähliche Verschwinden von Öffentlichkeit, diesen eminenten Verlust ganz und gar ausdrückt. Nichts soll mehr bleiben, Sprüche statt Aufklärung. Die CDU holt sich zu dem, was sie als Zukunftsversprechen ausgibt, auch gleich noch das ideal besetzte Kontrastprogramm.