Nun erhebt es wieder sein Haupt, das alte Problem: Ist "roter" Terror gleich "brauner" Terror oder noch schlimmer? Was vor zehn Jahren im "Historikerstreit" hohe Wellen schlug und nach Ernst Noltes Buch über den "Bürgerkrieg" im 20. Jahrhundert Schlagzeilen machte, dringt von Frankreich wieder in die deutsche Diskussion ein. Damals ging es zwar primär um die "Einzigartigkeit" von Auschwitz. Aber die Frage stellte sich vor dem Hintergrund der implizierten Gegenthese: daß die "Rattenkäfige" der Tscheka primär waren und Hitler letztlich "nur", wenn auch perfektioniert und industrialisiert, nachahmte, was ihm das Sowjetregime vorgemacht hatte.

Nun ist nicht mehr von Dscherschinskij und seinen Schergen die Rede, sondern gleich von "dem" Kommunismus, so wie François Furet (der ein Vorwort schreiben wollte) vor einigen Jahren nicht nur das "Ende" seiner eigenen früheren "Illusionen" verkündete, sondern mit dem "Kommunismus im 20. Jahrhundert" insgesamt abrechnete.

In Deutschland trifft das Buch auf andere Diskussionen. Im Westen hat es zwar linke Intellektuelle gegeben, aber keine kommunistischen, in der alten DDR keine regime- und moskautreuen (jedenfalls nicht von Rang). An der Selbstkasteiung wird sich hier niemand beteiligen, und eine KP gibt es nicht. Und auch die Aufarbeitung der Vergangenheit in den neuen Bundesländern läuft sehr anders. Terror hat es, vor allem in der Nachkriegszeit, zur Genüge gegeben, Verfolgung und Unterdrückung auch. Aber von Massenvernichtung wird niemand im Ernst sprechen wollen.

Stachel im Fleisch sind vor allem das Ausmaß der verdeckten Uberwachung und der Verrat von Nachbarn und Freunden. Terror im genaueren Sinn prägt dagegen die deutsch-deutsche gemeinsame Vergangenheit, in deren Sog die Debatte daher unweigerlich gezogen wird. Dabei geraten die Fronten durcheinander. Als Mitstreiter erscheinen, die bei Licht besehen keine sind; und Argumente ähneln einander, denen sehr verschiedene Motive zugrunde liegen. Rußland-Historiker kennen das Phänomen aus ihrer Fachdiskussion der letzten Jahre.

Die "deutsche" Lesart des "Schwarzbuchs" dürfte sich um so eher einstellen, als sie ebenfalls beabsichtigt ist. Der Spiritus rectordes Unternehmens, Stéphane Courtois, läßt in der Einleitung keinen Zweifel daran. Der "erste Versuch, sich mit dem Kommunismus unter dem Gesichtspunkt der verbrecherischen Dimension ... zu beschäftigen", soll kein Selbstzweck sein.

Die "kommunistischen Diktaturen" des 20. Jahrhunderts werden immer wieder mit dem Nationalsozialismus verglichen. Maßstab sind dabei die "Massenverbrechen", die auch der Kommunismus "regelrecht zum Regierungssystem" erhoben habe. "Gnadenloser Klassenkampf ... nahm die Züge eines Genozids" an, war Rassenkampf mit anderen Zielen, aber sehr ähnlichen Mitteln und Folgen. Zum Leitmotiv wird auch hier der berüchtigte Satz des Tschekisten Latsis: "Wir führen nicht Krieg gegen bestimmte Personen. Wir löschen die Bourgeoisie als Klasse aus."

Wenn damit nur auf die Pauschalität des Terrors als gemeinsamer Nenner verwiesen würde, wäre das Argument überzeugend. Aber das Buch will mehr und überschreitet seinen erklärten Zweck auf verräterische Weise: Ohne "irgendwelche makabren Vergleiche" aufstellen zu wollen, müsse doch auf das "unwiderlegbare" Faktum hingewiesen werden, "daß die kommunistischen Regime rund hundert Millionen Menschen umgebracht haben", während es im Nationalsozialismus "25 Millionen waren".