An unserer Schule stand, an manchen Schulen steht noch immer: "Non scholae, sed vitae discimus". Wir fragten uns: Waren die Römer Heuchler? Oder brauchten sie wirklich nicht für die Schule zu lernen? Nur wenige kamen auf den Einfall, doch mal bei Seneca nachzuschlagen. Und siehe da: Die Epistola 106 schließt, gerade umgekehrt, mit dem Satz: "Non vitae, sed scholae discimus." So viel hat sich also doch nicht verändert in den vergangenen zweitausend Jahren. Jugendliche wurden nicht geschult und als Erwachsene manchmal umgeschult, um der Freude an wachsender Welterkenntnis willen. Sie müssen vielmehr pauken, um dann Leistungen zu erbringen für die Gesellschaft. So ist es und muß es wohl auch sein.

Nun haben einige - in den Industrieländern werden es immer mehr - ihre Leistung schon erbracht. Man nennt sie "Rentner","Alte" oder jungdeutsch "Grufties", vornehmer (Latein gilt heute als vornehm) "Seniorinnen" und "Senioren". Sie ernähren eine Wissenschaft, die sich griechisch (noch vornehmer) als Gerontologie bezeichnet, auf deutsch "Greisenkunde". Fünfzigjährige Professoren zerbrechen sich die Köpfe, wie Leute, die wesentlich älter sind als sie selber, am besten "betreut" werden sollten.

Viele haben in ihrer spezialisierten Berufswelt nur wenig wahrnehmen können von dem, was sich außerhalb dieser Welt ereignet. Das wollen sie nachholen. Ablesbar wird dieser Drang an der Zahl der Alten, die sich an Volkshochschulen und Universitäten einschreiben. Sie steigt jährlich um zwei bis drei Prozent. Von der "Kontaktstelle Studium im Alter" berichtet Mechthild Kaiser, daß es 1986 zweihundert Alte an der Universität Münster gegeben habe; zehn Jahre später sind es mehr als zweitausend. Schon haben mehr als 35 Hochschulen Beratungsstellen für alte Studenten eingerichtet.

Es ist kein Zufall, daß es ein Künstler war, der nach einer attraktiveren Lösung strebte. Martin Rabe hat Malerei, Plastizieren und Kunstgeschichte an den Akademien in Stuttgart und Wien studiert. Mit dem Theater und den Bühnenbildern hat er sich an der Akademie in Stuttgart, aber auch an den Städtischen Bühnen in Dortmund und am Wiener Theater in der Josefstadt beschäftigt. Der heute 56jährige hat viele Bücher herausgegeben, darunter eine "Kunstgeschichte Europas" und eine Reihe "Illustrierte Klassiker der Weltliteratur".

Gegen Ende der achtziger Jahre ließ er sich in Holzen bei Kandern nieder. Das beinahe noch idyllische Dorf, dicht an der Schweizer Grenze im Markgräflerland, war bis dahin vor allem durch seine vielen Storchennester bekannt. Martin Rabe sorgte auf seine Weise für einen neuen Ruf. Ihn drängte es, sein Verständnis von Kunst an andere Menschen weiterzugeben. So kam es 1991 zur Gründung des "Symposion Holzen". Zweimal im Monat öffnete der Künstler sein Atelier für Besucher. Da wurden Bilder nicht nur angesehen, da wurde die Wahrnehmung von Kunst diskutiert. Das Thema des ersten Symposions hieß "Kunsterkenntnis - Kunstverständnis"; das eines zweiten (1993) "Von der Relevanz des Schönen für die Lebenswirklichkeit des Menschen".

Schon dafür reichte es nicht aus, sich nur auf die Malerei zu konzentrieren. Selbstverständlich mußte "Relevanz des Schönen" die anderen Künste einbeziehen, von der Literatur bis zur Musik. Auch die Philosophie hatte dazu manches zu sagen. Martin Rabe las alles, was ihm seine Zeit erlaubte, von der Antike bis zur Moderne. Bei Kant fand er den Satz: "Der Mensch ist bestimmt, in einer Gesellschaft mit Menschen zu sein und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaften zu kultivieren." Er machte ihn zum Motto der von ihm in Holzen gegründeten Hochschule.

Der zündende Funke kam während einer langen Unterhaltung mit Klaus Wiegandt, Vorstandssprecher des Metro-Handelskonzerns und zugleich Käufer von Rabes Bildern. Er meinte: Genau das brauchen wir. Wer von uns, die wir doch im Beruf sehr fest gebunden sind, könnte es sich denn leisten, "sich durch Kunst und Wissenschaften zu kultivieren"? Und wer könnte Möglichkeiten dafür anbieten? Die Universitäten doch schon lange nicht mehr. Die meisten Studenten wissen kaum noch, daß die universitas ursprünglich die Gemeinschaft der Lehrenden und der Lernenden bedeutete. Wie hätte die aufrechterhalten werden können an den Massenuniversitäten? Sogar der bescheidene Versuch, zwischen die spezialisierten Disziplinen ein interdisziplinäres "Studium generale" einzuschieben, mußte wieder aufgegeben werden. Aber wäre die Aufgabe, im Zusammenwirken von Kunst und Wissenschaft einen Lebenssinn zu finden, nicht genau richtig für ältere Menschen, die ihre Ausbildung und die darauf sich gründenden Leistungen für die Gesellschaft erbracht haben? Würden sie nicht gerade nach dieser Weiterbildung auch für die Kulturgemeinschaft wieder nützlich?