Welch ein widersprüchliches, ja faustisches Leben! Als der 1868 in Breslau geborene Chemiker Fritz Haber, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, 1934 in Basel stirbt, hat er ein deutsches Schicksal wie nur irgendeines durchlebt. Seine Ammoniaksynthese trägt im Frieden dazu bei, die Menschheit vor Hunger zu bewahren. Im Ersten Weltkrieg jedoch kostet sie zahlreiche Menschen auf grausame Weise das Leben. 1920 bekommt er den Nobelpreis und wird zugleich als Kriegsverbrecher gesucht. Als Jude aufgewachsen, konvertiert er zum Protestantismus, im Grunde aber ist er ein unreligiöser Technokrat. Er versteht sich als Liberaler, liest den sozialdemokratischen Vorwärts und denkt doch so preußisch-national, daß man später meint, er habe noch deutscher sein wollen als der Kaiser selbst. Um die Mitarbeiter seiner Institute kümmert er sich überaus fürsorglich, als Familienoberhaupt jedoch versagt er weitgehend.

Eine ethische Bewertung seiner Person entzieht sich dem Zugriff wie das flüchtige Gas, das Habers Lebensweg auf merkwürdige Weise begleitet. Als frisch bestallter Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie erhält er 1912 vom Namensgeber persönlich den Auftrag, eine Warnvorrichtung für Grubengas zu konstruieren. Binnen eines Jahres hat Haber eine Schlagwetterpfeife entwickelt. Ähnlich rasch und effektiv gelingt ihm anschließend der Aufbau eines Verfahrens, um den Stickstoff in der Luft zu binden. Über die BASF und Carl Bosch kann der Landwirtschaft nun in großem Stile ein synthetischer Dünger als Ersatz für natürliches Salpeter zugeführt werden.

Während des Ersten Weltkrieges stellt sich Haber ohne Zögern in den Dienst der Kriegführung. Er entwickelt immer scheußlichere Arten von Giftgas. Über deren psychologische Wirkung will er helfen, eine rasche Entscheidung des Kampfes herbeizuführen. Seine geschickte Moderation zwischen Wissenschaft, Industrie, Militär und Politik wird dabei zu einem Modell für die staatlich geförderte Großforschung der Zukunft. Der Einsatz des Kampfgases aber wirkt sich für seinen und den Ruf Deutschlands insgesamt verheerend aus. Es verstößt gegen geltendes Recht, und statt den Krieg zu verkürzen, wird ein verhängnisvolles Wettrüsten um Massenvernichtungswaffen in Gang gesetzt.

Habers Name wird zum Synonym für das Dilemma der modernen Forschung, deren Ergebnisse sowohl zu "guten" als auch "bösen" Zwecken angewandt werden können. Dabei fühlt sich der Chemiker keineswegs mißbraucht, sondern lediglich seinem Vaterland verpflichtet. Noch 1919 setzt er die Gewölbe der Reichsbank unter Gas, um das Gold vor dem Zugriff der Revolutionäre zu schützen. Sein letztes großes Projekt gilt der Gewinnung von Gold aus dem Meerwasser. Mit den Überschüssen seiner Alchimie will Haber das Deutsche Reich von der drückenden Last der Reparationszahlungen an die Alliierten befreien. Es ist aber nicht dieser Fehlschlag, der das Ende dieses an Erfolgen und Ehrungen so reichen Lebens überschattet. Vielmehr erweist es sich als ein Fluch, daß eine seiner Entwicklungen zur Schädlingsbekämpfung, das Zyklon B, nach seinem Tod dazu verwendet wird, auch Mitglieder seiner Familie in den Konzentrationslagern zu vernichten.

Schlußfolgerungen aus einer solch spannungsreichen Existenz zieht die Biographin nur sehr vorsichtig. Die Münchner Historikerin sieht in Haber vornehmlich den Grenzgänger zwischen den Disziplinen und den Mitbegründer der modernen Großforschung. Gegen Lichtgestalten wie Albert Einstein mag sie ihn nicht ausspielen. Huldigungen seines Genies sind ebensowenig ihre Sache wie Mystifikationen der besonderen Tragik dieses Lebens. Ihnen setzt sie vielmehr eine reflektierte Sachlichkeit entgegen, die allerdings bisweilen etwas zu ausführlich und endgültig erscheinen will. Doch gelingt es Szöllösi-Janze, nicht nur zahlreiche Details zur Frühgeschichte der physikalischen Chemie zu präsentieren. Profil erhält die Entstehungsgeschichte der deutschen Forschungslandschaft insgesamt wie auch die Soziologie derer, die sich darin aufhalten.

Die Kehrseiten dieses arbeitsreichen Lebens haben vor allem Habers Ehefrauen zu spüren bekommen. Vergeblich versuchte die erste, ihm in der Wissenschaft zu folgen, und mußte doch neben dem monomanen Haber verkümmern. Die zweite bemühte sich, im Privaten auszugleichen, und war bald von ihm entfremdet.

Bemerkungen aus der Einleitung dieses gewichtigen Buches kann man entnehmen, daß der Autorin bei ihrer beeindruckenden Forscherleistung diese Synthese offenbar besser gelungen ist als ihrem zwiespältigen Helden.